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Ich erinnere mich …

Zahlreiche meiner Erinnerungen zeugen von der Chancenungleichheit von Frauen und Männern, aber auch davon, was wir bereits in Sachen Geschlechtergerechtigkeit erreicht haben. Und davon, welcher Weg, hin zur wirklichen Gleichstellung, noch vor uns liegt.

Ich erinnere mich an den Frauenstreik vom 14. Juni 1991. Meine Tochter war damals drei Wochen alt und ich war als Assistentin an der Universität Lausanne tätig. Seit Ende meines Studiums hatte ich ununterbrochen Vollzeit gearbeitet. Ein Mutterschaftsurlaub wurde mir aber verweigert, da mein aktueller Vertrag erst seit achteinhalb Monaten lief, zwei Wochen weniger lang als gefordert. Erst seit 2005 kommen alle Arbeitnehmerinnen in den Genuss des Mutterschaftsurlaubs.

Ich erinnere mich, wie meine Urgrosstante uns ein Geheimnis verriet, nämlich die Wahrheit über den Grund, warum ihre Schwester im Alter von 20 Jahren verstorben war. Und zwar an den Folgen einer Blutvergiftung nach einer heimlichen Abtreibung. 2002 wurde der freiwillige Schwangerschaftsabbruch legal.

Ich erinnere mich an eine Konferenz am 25. November 2009, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Ein über achtzigjähriger Teilnehmer erzählte, dass er nie vergessen habe, wie sein Vater Frau und Kinder schlug – und wie das ganze Dorf sich beharrlich in Schweigen hüllte. Jeder wusste Bescheid: Polizei, Pfarrer, Lehrer, Bürgermeister. Und niemand unternahm etwas. Gewalt in der Ehe wurde 2004 zum Offizialdelikt erklärt.

Ich erinnere mich an diesen zutiefst verletzten Vater, dem das gemeinsame Sorgerecht verweigert wurde, da sich die Mutter seiner Kinder dagegen aussprach und das Gericht ihr folgte. Erst 2014 wurde das gemeinsame Sorgerecht zur Norm.

Ich erinnere mich an die jungen Frauen, die 2016 eine Ausbildung zur HR-Fachfrau absolvierten. Mit sexueller Belästigung konfrontiert, waren sie oftmals hilflos angesichts der Hierarchie, in der die Chefs untätig blieben, trotz der Pflichten, die aus dem 1996 in Kraft getretenen Bundesgesetz über die Gleichstellung von Frau und Mann für Arbeitgebende hervorgehen.

Ich erinnere mich an dieses junge Paar gleichen Alters, das seine Ausbildung in einer Hotelfachschule abschloss und eine gleichwertige Arbeit im gleichen Unternehmen fand. Mit dem Unterschied, dass sein Lohn um 600 Franken höher war. Sie haben beide das Unternehmen rasch verlassen. Das war 2017. 2018 hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, das von allen Unternehmen ab 100 Angestellten die Durchführung einer Lohngleichheitsanalyse fordert.

Ich erinnere mich an dieses elfjährige Mädchen, das Politikerinnen, die sich im Wahlkampf mit Lorbeeren schmückten, anmassend fand. Bei männlichen Kandidaten hingegen fand sie es normal. Albert Einstein meinte einmal, es sei leichter, ein Atom zu spalten, als ein Vorurteil zu überwinden.

Ich erinnere mich an eine Mutter, die angesichts ihres Vorsorgeausweises schockiert war. Ihre von der Gesellschaft so hochgelobte und geförderte Teilzeitarbeit würde nach der Pensionierung nur eine kleine Rente von wenigen Hundert Franken aus der zweiten Säule einbringen. Nun hofft sie, dass den Teilzeitarbeitenden bei künftigen Reformen zumindest in Zukunft besser Rechnung getragen wird.

Es gibt noch viel zu tun – und gleichzeitig müssen wir stets darauf achten, dass unsere Errungenschaften nicht wieder infrage gestellt werden. So warnte bereits die französische Philosophin Simone de Beauvoir:

«Vergessen Sie nie, dass es nur zu einer politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Krise kommen muss, um die Frauenrechte infrage zu stellen. Denn diese Rechte sind nie sicher. Sie müssen Ihr ganzes Leben lang wachsam bleiben.»

Wachsam sein müssen Frauen wie Männer: im Alltag, in der Familie, in der Ausbildung und am Arbeitsplatz. Wachsam sein muss die Gesellschaft als Ganzes. Damit die Gleichstellung endlich eine unumstössliche Errungenschaft wird. Der 14. Juni bietet uns allen die Gelegenheit, ein Zeichen zu setzen.

Sylvie Durrer ist Direktorin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG.