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Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer, werden aber bei verschiedenen Dienstleistungen und Produkten stärker als diese zur Kasse gebeten. Einen sachlichen Grund für diese Geschlechterdiskriminierung, die sich Pink Tax nennt, gibt es nicht.

von Christine Schnapp

Eine ganze Stunde lang nehmen sich Coiffeur Nicolas Cettou und sein Team für einen Haarschnitt Zeit. Geschnitten wird mit der Schere. Ob ein Mann oder eine Frau auf dem Coiffeurstuhl sitzt, spielt dabei keine Rolle. Gleiche Dauer für gleiche Arbeit – für den Lausanner Cettou war irgendwann nicht mehr klar, warum Frauen heutzutage bei ihm für einen Kurzhaarschnitt 90 Franken, Männer hingegen nur 59 Franken zahlen sollen, wir er gegenüber dem Onlinemagazin Swissinfo ausführt. «Früher beanspruchten Herrenhaarschnitte tatsächlich weniger Zeit. Die Haarschnitte waren sehr einfach, und geschnitten wurde mit der Tondeuse. Bei den Frauen war es so, dass sie eher frisieren als das Haar kürzen liessen», so Cettou. Um sich heutigen Verhältnissen anzupassen, hat der Friseur die Preise in seinem Salon zu Beginn dieses Jahres vereinheitlicht. 80 Franken für beide Geschlechter ist nun der Referenzpreis. Mit diesem Vorgehen hat er zwar Kunden verloren, dafür aber Kundinnen hinzugewonnen. Ausserdem hat er nun Neukunden und -kundinnen, die just aufgrund dieser neuen Gleichstellungsmassnahme zu ihm in den Salon kommen, weil sie den guten Ansatz unterstützen wollen. Cettou ist zuversichtlich, dass er bis Ende Jahr zwar nicht mehr Umsatz erzielen wird, aber auch nicht drauflegen muss.

Diskriminierungen ohne Ende

Dass Frauen für gewisse Dienstleistungen und Produkte mehr bezahlen müssen, ist kein neues Phänomen. «Gender Pricing» oder «Pink Tax», wie die höheren Preise für Frauen auch genannt werden, sind Konsumentenverbänden und vielen Frauen seit Jahren ein Dorn im Auge. Die Gleichstellungsdiskussionen im Zuge von #MeToo und dem diesjährigen Frauenstreik haben das Thema jüngst wieder neu auf die Agenda gebracht und um weitere strittige Aspekte wie den hohen Mehrwertsteuersatz auf Monatshygieneprodukte und die Unterschiede zwischen Mutterschaftsversicherung und der Entschädigung für Männer während der Dienstpflicht ergänzt. So hat kürzlich laut dem Tagesanzeiger eine selbstständige Juristin im Kanton Zürich eine Klage beim Sozialversicherungsgericht eingereicht, wegen Verstosses gegen Artikel 8 der Bundesverfassung: «Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich». Die Erwerbsersatzordnung, die sowohl die Entschädigung während des Mutterschaftsschutzes wie während der Dienstpflicht regelt, enthält gemäss der Juristin, die gegenwärtig schwanger ist mit ihrem zweiten Kind, und ihrer Anwältin gleichstellungspolitische Lücken. So erhalten Männer während der Dienstpflicht neben der Grundentschädigung auch Nebenleistungen wie Betriebszulagen für Selbstständigerwerbende und bei Bedarf Kinderzulagen. Mütter erhalten diese Zusatzleistungen nicht, ausserdem ist das Mutterschaftstaggeld bei 196 Franken limitiert, der Höchstsatz im Militärdienst hingegen bei 245 Franken pro Tag. Das Parlament wusste bei der Einführung der Mutterschaftsversicherung um diese Unterschiede, wollte sie jedoch aus Spargründen im Gesetz drin haben. Nun wird es sich aufgrund einer hängigen Motion von SP-Nationalrätin Min Li Marti, die von Mitgliedern aller Parteien ausser der SVP unterzeichnet wurde, aber erneut mit dem Thema beschäftigen müssen.

Was heisst lebenswichtig?

Ebenso hängig ist eine Motion von SP-Nationalrat Jacques-André Maire, die einen reduzierten Mehrwertsteuersatz auf Damenhygieneartikel verlangt. In der Schweiz wird auf sogenannt lebenswichtigen Gütern ein reduzierter Mehrwertsteuersatz von 2,5 Prozent statt der sonst üblichen 7,7 Prozent gewährt. So werden aktuell beispielsweise Schnittblumen, Blumenarrangements und Katzenstreu mit 2,5 Prozent Mehrwert besteuert – Monatshygieneprodukte fallen hingegen aus unerfindlichen Gründen nicht unter die lebenswichtigen Güter. National- und Bundesrat haben die Motion Maire angenommen; der Ständerat hat noch nicht darüber abgestimmt. Weltweit haben bereits zig Länder wie etwa Kanada, Australien, Indien, Tansania Tampons und Binden ganz von der Mehrwertsteuer befreit oder diese reduziert, so auch die Europäische Union ansatzweise.

Es sind nur Marktmechanismen

Dass insbesondere Hygieneprodukte für Frauen oftmals mehr kosten als die für Männer, haben Studien aus den USA und Deutschland gezeigt, deren Resultate auch auf für Schweizer Verhältnisse geltend gemacht werden können. Eine Untersuchung aus den USA hat ergeben, dass in 42 Prozent der Fälle das Produkt für die Frau mehr kostet als dasjenige für den Mann. In Deutschland lagen die Resultate bei 30 Prozent auf Produkten und bei 50 Prozent auf Dienstleistungen. In der Schweiz zahlen Frauen laut den Schätzungen von Konsumentenverbänden 4 Prozent mehr für Kinderkleider, 7 Prozent mehr für Spielsachen, 8 Prozent mehr für Kleider für Erwachsene, 8 Prozent mehr für Gesundheitsprodukte und 13 Prozent mehr für Körperpflegeprodukte. Anbieter rechtfertigen die Preisunterschiede stets allgemein mit einem vagen «… nicht vergleichbar, höherer Aufwand …». Tatsächlich geht es aber schlicht darum, dass Frauen gewohnt und bereit sind, für gewisse Produkte mehr zu bezahlen, weil sie von klein auf von der Werbung derart beeinflusst werden. Einen tatsächlichen Mehrwert haben die Frauenprodukte gegenüber den Männerprodukten in der Regel nicht.

Teurere Produkte liegen lassen

Eine politische oder juristische Handhabe dagegen, dass Hersteller ein und dasselbe Produkt, das sich oftmals nur in der Farbe unterscheidet, Frauen teurer verkaufen als Männern, ist hierzulande nicht in Sicht. In den USA ist es immerhin in zwei Bundesstaaten verboten, für Dienstleistungen genderspezifische Preise zu verlangen. So bleibt den Frauen in der Schweiz nur, etwa die blauen Männerrasierer zu kaufen und die teureren pinken, die ansonsten exakt gleich sind, im Regal liegen zu lassen. Und bei der Reinigung von Damenblusen, die fast identisch aussehen wie Männerhemden, sollen sie laut David Heraclide, Verantwortlicher der Reinigungskette 5aSéc, einfach den Herrentarif verlangen, wie er in der Sendung «Kassensturz» rät.