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Il 1° agosto, le 1er août

Der 1. August kommt schneller, als wir glauben. Es ist wie bei den Konditoren, die ihre Osterhasen jeweils schon im Oktober in die Produktion nehmen. Voriges Jahr durfte ich eine 1. August-Rede in Fehraltorf ZH halten. Das war ein Heimspiel, denn Fehraltorf gehört zum gleichen Bezirk wie meine Wohngemeinde Illnau-Effretikon. Und trotzdem war auch dieses Mal bereits im Vorfeld einige Anspannung vorhanden. Was soll ich den Leuten sagen, was sie noch nie an einem 1. August gehört haben? Etwas, das feierlich ist, aber auch anregend, das die Vergangenheit nicht verklärt und Zukunftsglauben zum Ausdruck bringt. Etwas, das auch Lachen erlaubt und nicht todernst ist. Vor allem etwas, das nicht vor Pathos trieft. Als Erstes habe ich Worte wie «Rütli», «Morgarten» oder «Willensnation» aus meinem Kopf verbannt. Und scheinbar fand ich die passenden Worte, denn niemand verliess das Festzelt vorzeitig.

Für dieses Jahr habe ich bereits zwei Gemeinden im schönen Kanton Zürich Zusagen für eine 1. August-Rede gemacht. Und ich habe mir auch noch ein kleines Moleskine-Heft gekauft, das ich nun immer mit mir herumtrage, um spontane Ideen festzuhalten, die vielleicht – allenfalls, irgendwo – Applaus ernten könnten. Irgendwo?

Ich habe wieder einmal mein «Politarchiv» durchforstet und stiess dabei auf die Mappe «Röstigraben». Daneben lag ein Stapel mit dem Hinweis «Bundesratswahlen». Sie werden sich wie ich daran erinnern, dass von potenziellen Nachfolgerinnen und Nachfolgern für Doris Leuthard und Johann Schneider-Ammann eine leidliche Kenntnis von «Fremdsprachen» gewünscht wurde. Wobei neben Englisch auch die Landessprachen Französisch und Italienisch gemeint waren. Jüngst berichtete mir ein Freund, wie in einer Arbeitsgruppe an einer «nationalen» Tagung mit Vertreterinnen und Vertretern aus allen Sprachregionen plötzlich Englisch gesprochen worden sei. Alle hätten sich prächtig verstanden, weil sie der gleichen Organisation angehörten. Aber sie verstanden die andere Sprache nicht. Oder zu wenig, um eine «zielführende» Arbeit in der Gruppe verrichten zu können. Beim Mittagessen wurde darüber gewerweisst, warum man ins Englische geflohen sei, wo doch in den Schulen das Erlernen anderer Landessprachen Pflicht ist. Flugs habe sich darüber ein kleiner «Röstigraben» aufgetan. Etwa so: Das sprachliche Unvermögen sei auf Ignoranz in der Romandie und auf Arroganz in der deutschen Schweiz zurückzuführen.

Beim Nachtessen sei die Diskussion weitergegangen. Tiefer allerdings, versöhnlicher. Was trennt uns, was vereint uns? Mein Freund fragte mich, ob ich einen Vorschlag hätte, wie man näher zusammenrücken könnte. Spontan kam mir die Idee eines 91-jährigen Parteifreundes in den Sinn, und ich sagte: «Wie wäre es, wenn in diesem Jahr alle 1. August-Rednerinnen und -Redner nur in einem Kanton auftreten dürfen, in dem nicht deren Sprache gesprochen wird. Und sie sollten dort reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. In ihrer Muttersprache. Ich bin überzeugt, das wird ein Riesenfest – ich habe mir trotzdem schon mal den neusten Dictionnaire und den neusten Dizionario beschafft.

Thomas Vogel ist FDP-Regierungsratskandidat im Kanton Zürich, seit 2003 ist er Mitglied des Zürcher Kantonsrats und arbeitet als Jurist in der Gerichtsleitung des Bezirksgerichts Zürich.