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Stille, Stille, Stille …

Was wäre ein achtsamer Blick des Lassalle-Hauses auf die Schweiz? Es wäre ein Blick in Stille. Viele unserer Gäste, die zu uns nach Bad Schönbrunn im Kanton Zug kommen, steigen zunächst einmal auf den Gubel, unseren «Hausberg». Ein kleiner Fussweg führt von unserem Haus die sanften Moränenhügel hoch, entlang an üppig grünen Wiesen und Weiden. Auf dem ersten Plateau angekommen, sieht man schon den Zugersee in der Ebene funkeln.

In der Ferne umrahmen Rigi und Pilatus den Horizont. Ein letzter Anstieg und schon ist man auf dem Gubel angelangt. Ein Blick in die Landschaft. Ausatmen. Stille. Die Stille hilft uns zunächst einmal, Abstand zu gewinnen. Abstand von dem emsigen Treiben im Tal. Aber auch Abstand zu einem atemraubenden Alltag. Den Boden unter den Füssen wahrnehmen. Die würzige Luft einatmen. Unseren Körper wahrnehmen. Wir finden wieder zu uns. Der Blick in die Natur in diesen Wochen zeigt uns kahle Bäume, leere Zweige. Die Natur lässt uns entdecken, dass auch natürlicher Stillstand zum Rhythmus des Lebens irgendwie dazugehört. Wir müssen nicht ständig produzieren, aktiv sein, reden. Auch Unterbrechungen gehören zu unserem Leben. Innehalten. Lauschen. Eine befreiende Stille.

In der Stille kommen dann unweigerlich Erfahrungen der vergangenen Zeit an die Oberfläche. Es ist eine Chance, diese Erfahrungen willkommen zu heissen und auch schmerzlichen Erinnerungen nicht ausweichen. So können wir zu einer kritischen Distanz finden. Was läuft da eigentlich gerade in meinem Leben? Auch ist das Leben nicht einfach schwarz oder weiss, gut oder schlecht. Wir lernen Ambivalenzen wahrzunehmen, auszuhalten. Und doch entdecken wir auch schon im Winter Knospen an den Zweigen. Die Stille kann uns helfen, zu entdecken, was auch in uns am Wachsen und Reifen ist. Wir beginnen wieder mehr zu spüren, lernen leise Töne wahrzunehmen – eine achtsame Stille.

Eine klassische Meditationsübung in unserer Ordensausbildung als Jesuiten ist der ungeschminkte und doch einfühlsame Blick, nicht nur auf die Schweiz, sondern auf die Welt. In dieser jahrhundertealten Meditation werden wir eingeladen, die Menschen auf dem Erdenrund wahrzunehmen, wie sie uns begegnen: die Lachenden und die Weinenden, die Gewalttätigen und die Friedenstiftenden, die Lebenshungrigen und die Lebensmüden … Und wir sollen wahrnehmen, wo und wie in dieser ambivalenten Welt Hoffnungsgeschichten stattfinden. Eine einfühlsame Stille.

Und wir können uns von diesen Geschichten ermuntern lassen für unser eigenes Handeln. Das Lassalle-Haus steht für den Wechsel von Einatmen und Ausatmen – der Weg nach innen und der Weg nach aussen. Dem Weg in die Stille folgt immer wieder der Weg zurück in den Alltag. So wird bei uns häufig der Zen-Meister Sekiso zitiert: «Auch wenn einer sitzend auf einem hundert Fuss hohen Mast Erleuchtung erfahren hat, ist es noch nicht die vollständige Sache.» Der Weg führt wieder hinunter. Vom Gubel ins Lassalle-Haus. Vom Lassalle-Haus in den Alltag der Schweiz.

Tobias Karcher SJ, Jesuit, Leiter des Lassalle-Hauses.