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Ist die Freundlichkeit in Zeiten zunehmender Polarisierungen abhanden gekommen? Staatspräsidenten beschimpfen sich öffentlich, Regierungen von EU-Staaten attackieren die EU-Institutionen und in der Schweiz geht die SVP auf die FDP los, obschon die zwei bürgerlichen Parteien früher ein Tandem bildeten. Diese Entwicklung hat Vorbildwirkung. Grob sein, rücksichtlos und egoistisch agieren gilt als besserer Weg. Das ist aber einer der grösste Irrtümer unserer aktuellen Zeit. In dieser Serie beleuchten wir, dass Freundlichkeit viel mit einer gelungenen Selbstfürsorge zu tun hat und wie sich Freundlichkeit in der Gastronomie als bedeutender Faktor ausbezahlt. Denn es gibt eine Psychologie der Freundlichkeit, da die Menschen den ganzen Tag hindurch immer auf andere Menschen und je nach wohlwollendem Verhalten reagieren, wie wir im dritten Teil aufzeigen. Und zum Schluss: Ja, man kann Freundlichkeit lernen. Wir zeigen in Teil vier, wie. Gelegenheit zu einer besonderen Freundlichkeit bietet der 13. November, der Welt-Freundlichkeits-Tag. Eingeführt wurde er 1998 von der Bewegung «World Kindness Mouvement», die ihren Ursprung in Japan hat, wo die ältere Generation den Verfall der traditionellen Freundlichkeit im Land beklagt.

von Anton Ladner

«Der Freundliche begegnet seinem Gegenüber liebenswürdig und bringt ihm das Interesse entgegen, das ihm gebührt. Er nimmt Rücksicht auf andere und versucht sich so zu benehmen, dass niemand Anstoss an ihm nimmt.» Das ist keine Definition der Freundlichkeit aus einem psychologischen oder soziologischen Handbuch, sondern ein Text von Aristoteles. Der griechische Philosoph hat diese Erklärung in der Nikomachischen Ethik niedergeschrieben – gut 300 Jahre vor Christus. Nach über 2000 Jahren trifft diese Definition auch in der schnelllebigen Gesellschaft noch zu. Nur: die gesellschaftliche Spielregel Anstand, die auch mit Freundlichkeit zu tun hat, wird nicht mehr eingehalten. Als Anstand gilt das selbstverständliche gute Verhalten, es geht um die richtige Umgangsform. In Zügen, Büssen und Trams die Sitzfläche nicht mit Schuhen verschmutzen, die Fahrgäste zuerst aussteigen lassen, bevor man das Verkehrsmittel besteigt, Zigarettenkippen oder gebrauchte Kaugummis nicht auf den Boden werfen. Die Liste ist lang.

Seinen Sitzplatz, ob im Zug, Bus oder sonst wo, einem älteren Menschen oder einer Schwangeren anzubieten, weil das die Freundlichkeit gebietet, ist jedoch schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr. «Umgangsformen sind Formen, die zunehmend umgangen werden», sagte der deutsche Kabarettist Oliver Hassecamp, der notabene 1988 verstorben ist. Heute würde er wohl sagen, dass Anstand grossräumig umfahren wird. Charme und Kultiviertheit im Alltag sind keine Orientierungspunkte mehr. Laut einer Umfrage des Statistischen Bundesamtes halten in Deutschland nur 45 Prozent der Frauen und weniger als 30 Prozent der Männer Freundlichkeit gegenüber den Mitmenschen für wichtig. Die neue Machtelite macht ja vor, dass diese Werte nicht mehr gelten. Denn der aufstrebende Politpopulismus schiesst auch auf die Werte der alten Machtelite. Christoph Blocher spricht vom «Berner Sumpf», obschon seine SVP als grösste Partei zwei Bundesräte stellt. US-Präsident Donald Trump will den Sumpf von Washington trockenlegen. Die polnische Regierungspartei Pis, die ungarische Regierungspartie Fidesz oder die italienische Lega sehen derweil in Brüssel einen Sumpf. Dieser unfreundliche Umgang hat dazu geführt, dass in Grossbritannien, in den USA oder in Italien politisch nicht mehr zwischen links und rechts, sondern zwischen Nationalisten und Internationalisten unterschieden wird.

Boris Johnson, der neue Premierminister Grossbritanniens, hält die EU sogar für die Ursache aller Übel seines Landes. Als er in Paris Präsident Emmanuel Macron einen Antrittsbesuch abstattete, stützte der Brite im Elysée-Palast seinen Fuss auf dem Beistelltisch ab. Wir kennen das von Popstars und Rockern. Aber Boris Johnson ist Regierungschef eines gespaltenen Landes, für dessen Spaltung er eine grosse Mitverantwortung trägt. Johnson mag es unkonventionell und oft auch unbritisch unfreundlich, was ihm auf der Insel den Namen «flegelhafter Boris» eingebrockt hat. Autokratisches und egomanisches Verhalten hat Konjunktur und gilt zunehmend als Erfolgsmodell. Demgegenüber erscheint Freundlichkeit schnell als nicht mehr zeitgemäss, überholt, aus einer alten Welt. Es gibt ja kein Wir mehr, sondern verspottete Andersdenkende, Verlierer, Lügner, Naive, Profiteure.

Der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther von der Universität Göttingen hat kürzlich sein Buch «Würde» veröffentlicht. «Wir verletzen unsere Würde immer dann, wenn wir einander nicht als gleichwertige Subjekte auf Augenhöhe begegnen», lautet sein Credo. Das hat oft auch mit Dankbarkeit zu tun. Aber heute wird Dankbarkeit zunehmend als Schwäche gesehen, als Unterordnung. Die Frauen an der Kasse bei Migros, Coop oder Aldi sind auf Höflichkeit getrimmt. Sie bedanken sich für den Einkauf und wünschen je nach Tageszeit einen guten Tag oder schönen Abend. Viele Kunden bleiben aber stumm. Sie sind sich nicht bewusst: Wer nicht auf einen Dank reagiert, bringt sich um die Wahrnehmung eines positiven Gefühls.

«Dankbarkeit ist das Gefühl des Staunens», schrieb Robert A. Emmons, Psychologieprofessor an der University of California. Unabhängig davon, ob man einem anderen Menschen, dem Schicksal oder einer höheren Macht dankbar sei, die Wirkung sei positiv. Dankbare Menschen sind laut Emmons glücklicher, optimistischer, hilfsbereiter, einfühlsamer und spiritueller. Robert A. Emmons stützt diese Erkenntnis auf zahlreiche Versuche. Eine Versuchsgruppe hat zum Beispiel während zehn Wochen am Abend fünf Ereignisse des Tages aufgeschrieben, für die die Teilnehmer jeweils dankbar waren. Die zweite Versuchsgruppe notierte fünf Ärgernisse des Tages, und die Kontrollgruppe schrieb fünf wichtige Dinge auf, die an diesem Tag geschehen waren. Die Teilnehmer der Dankbarkeitsgruppe fühlten sich nach zehn Wochen optimistischer, zufriedener, gesünder und trieben mehr Sport als die Teilnehmer der Ärgernis-Versuchsgruppe und der Kontrollgruppe.

Wo man ist und wohin man geht, es gibt immer zwei Optionen: Man bleibt stumm oder man ist mit einigen Worten freundlich. Das beginnt schon beim Grüssen. Heute versprechen sich jedoch die meisten das optimale Wohl davon, dass man in Ruhe gelassen wird. Doch das ist ein Trugschluss. Freundlichkeit überträgt sich leicht, und so kommt es zu einem Austausch, der die Stimmung hebt.

Die Wirtschaft, das heisst der Detailhandel, hat diese Erkenntnis längst in sein Marketing integriert. Die Verkaufspsychologie geht davon aus, dass Lächeln ein entscheidender Erfolgsfaktor ist. Der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain hatte dieses Phänomen schon lange zuvor erfasst: «Freundlichkeit: eine Sprache, die Taube hören und Blinde lesen können.»

Freundlichkeit kann gut zum Mass aller Dinge in Beziehungen erhoben werden. So heisst es in Psalm 135:3: «Lobet den Herrn, denn der Herr ist freundlich». In Anbetracht der Gottesebenbildlichkeit des Menschen im christlichen Glauben ist freundlich zu sein somit das oberste Gebot. Diese Freundlichkeit beinhaltet Güte, Demut, Milde und Geduld! (Kol 3,12-14). «Sie werden lachen: die Bibel.» So beantwortete der Schriftsteller Bertolt Brecht einmal die Frage nach seiner Lieblingslektüre. Für den Schriftsteller und Theatermann, der jenseits aller Religionen lebte, war die Freundlichkeit die tragende Säule im Leben. Walter Benjamin schrieb dazu in seinen Brecht-Interpretationen: «Wer das Harte zum Unterliegen bringen will, der soll keine Gelegenheit zum freundlich Sein vorbeigehen lassen.» Freundlichkeit war für Brecht eine Lebenshaltung. «Freundlichkeit ist meine Philosophie», sagt derweil der Dalai Lama. Ob Philosophie oder Haltung, Freundlichkeit liegt nicht in den Genen, ist nicht wie ein Talent angeboren, sie bleibt ein Willensakt, der das Leben besser macht.