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Vorurteile sind Mosaiksteine, die Feindbilder erschaffen. Mit den Menschen, die sie beschreiben sollen, haben sie aber in der Regel wenig zu tun: Sie beruhen auf mangelndem Wissen und helfen in erster Linie, die eigenen Reihen zu schliessen, zu unterscheiden zwischen «wir» und «die anderen». Deshalb ist ihnen mit Argumenten nicht beizukommen und überdauern sie Generationen.

von John Micelli

COVID-19 lässt Europa näher zusammenrücken: Gemäss der aktuellen Umfrage «Fragile Freundschaft» der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) sind erstmals Mehrheiten der Bevölkerungen Deutschlands und Italiens damit einverstanden, dass die Europäische Union gemeinsame Anleihen aufnimmt, um den Wiederaufbaufonds zu alimentieren. Dieses Konjunkturpaket der Staatengemeinschaft soll in erster Linie der Wirtschaft in den von der Pandemie besonders hart gebeutelten Regionen des Kontinents zugutekommen. Das ist ebenso erfreulich wie erstaunlich. Denn gemäss der gleichen Umfrage hat sich die gegenseitige Wahrnehmung nicht wesentlich verändert: Italienerinnen und Italiener halten Deutschland für einen Leuchtturm von Arbeit, Disziplin und Effizienz. Italien dagegen ist in den Augen der Deutschen das Land des guten Wetters, des guten Essens und der ausschweifenden Lebensfreude. 71 Prozent von ihnen glauben, dass Italien mehr oder sogar sehr viel mehr aus der gemeinsamen Kasse beziehe, als es einzahle. Aber Italien ist nach Deutschland das stärkste Industrieland der Union und war vor der Pandemie Nettozahler – genau wie die Bundesrepublik. Diese Tatsache jedoch ignorieren jene fast 40 Prozent der Italienerinnen und Italiener, die Deutschland für einen Nettoempfänger halten.

Ist in deutschen Medien von «italienischen Verhältnissen» in der Politik die Rede, geht es um Schlendrian, Chaos und Korruption. Südeuropa dagegen ist ganz vernarrt in das Bild der arroganten, selbstherrlichen Deutschen, deren Freundschaft eine paternalistische Note habe, wie Tobias Mörschel, Leiter des FES-Büros in Rom, ausführt. Sein Arbeitskollege Michael Braun allerdings sieht im Umfrageergebnis nicht nur die Wiederholung von Stereotypen, sondern auch ein Spiegel der Lebenswirklichkeiten: «Zwölf Millionen Deutsche sind im Jahr vor der Pandemie nach Italien gereist, entsprechend ist ihr Italienbild. Aber 100 000 Menschen sind von Italien nach Deutschland migriert und sicher nicht, weil dort das Wetter so schön ist.» Mörschel hofft, dass die Umfrage helfe, «die zerbrechliche deutsch-italienische Freundschaft auf festere Füsse zu stellen», sieht aber auf allen Seiten Nachholbedarf: Die beiden Partner müssten in Zukunft «mehr Beziehungsarbeit» leisten.

600 Jahre Ausgrenzung
Kaum auf persönlicher Erfahrung beruhen dürften dagegen die Vorurteile, mit denen Jenische, Sinti und Roma in Europa konfrontiert sind. Die Roma einerseits sind vor über 1000 Jahren aus Indien nach Europa eingewandert, seit dem 15. Jahrhundert ist ihre Anwesenheit auch in der Schweiz belegt.

Sinti, auch Manouches genannt, leben in Mittel- und Westeuropa sowie im nördlichen Italien und gelten als die am längsten in Europa lebende Roma-Gruppe. Die Gemeinschaft der Jenischen andererseits entstand vermutlich im 18. Jahrhundert aus marginalisierten Bevölkerungsschichten, die aufgrund ihrer Armut zu einer nomadischen Lebensweise gezwungen waren.

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In einer Reihe von Umfragen wurden «Zigeuner» in den vergangenen zwei Jahrzehnten als die unbeliebteste Volksgruppe Europas ermittelt: Mehr als die Hälfte der Deutschen, über drei Viertel der Slowaken, Tschechen und Rumänen würden keine Vertreter dieser Gemeinschaften als Nachbarn wollen. Klaus-Michael Bogdal, Autor des Buches «Europa erfindet die Zigeuner», erklärt die Herkunft dieser Abneigung folgendermassen: «Für die europäischen Mehrheitsvölker sind sie das Andere schlechthin.

Vor jeder Erfahrung mit einzelnen Menschen steht die Gewissheit, schon alles über ‹Zigeuner› zu wissen.» Fahrende allerdings würden Gefahr und Idyll zugleich darstellen: Freiheit und Naturverbundenheit, ein Leben auf der Reise, der Zusammenhalt in der Gruppe, Musikalität, Magie und Geheimnis seien die Dinge, die vielen Menschen in der modernen Leistungsgesellschaft fehlen, die aber den «Zigeunern» zugeschrieben würden, ohne dass sie der heutigen Realität – der Lebenswirklichkeit der Jenischen, Sinti und Roma – entsprechen würden.

Die Entwicklung der negativen Stereotype habe sich über einen langen Zeitraum in unterschiedlichen Phasen vollzogen, führt Buchautor Bogdal aus: «Am Anfang spielt die Religion eine wichtige Rolle. Roma werden verdächtigt, Spione der Türken zu sein, Ungläubige, Heiden oder gar Abgesandte des Antichristen, die über magische Kräfte verfügen. In der Frühen Neuzeit rücken stärker soziale Aspekte in den Vordergrund. In dieser Zeit entstehen die Bilder bettelnder Betrüger und Kinderräuber. Im Zuge der Herausbildung territorialer Nationalstaaten geraten sie in West- und Zentraleuropa als Minderheit im wahrsten Sinne des Wortes zwischen die Fronten und werden von Territorium zu Territorium gejagt. Nun werden auch sesshafte Familien gezwungenermassen zu Nomaden.»

«Asoziale Vaganten»
Das setzte einen Teufelskreis in Gang: Die erbärmlichen Lebensverhältnisse der Jenischen, Sinti und Roma schienen die stereotypen Ansichten über sie zu bestätigen, sie passten zu den Vorstellungen von einem bestenfalls halbsesshaften Volk, das sich angeblich für die Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft nicht interessierte. Das Ergebnis von Verfolgung und Ausgrenzung konnte man nun zur Rechtfertigung der Vorurteile heranziehen. Noch 1996 entschied ein deutsches Amtsgericht, «Zigeuner» seien für Vermieter unzumutbar, würden sie doch «traditionsgemäss überwiegend nicht sesshaft» leben.

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Die Sesshaftigkeit allerdings spielte keine Rolle beim Hilfswerk der Pro Juventute «Kinder der Landstrasse», mit dem die Stiftung ab 1926 die sogenannte «Vagantität» auszumerzen versuchte. Rund 600 Kinder wurden bis 1972, als das Projekt unter öffentlichem Druck eingestellt werden musste, ihren Jenischen Eltern entzogen und in fremde Obhut verbracht. Dabei spielten die Lebensumstände der Eltern keine Rolle: Familien mit «fahrender Herkunft» galten grundsätzlich als «asozial», eine Weitergabe des «minderwertigen Erbguts» müsse verhindert werden, um Schäden an der Mehrheitsgesellschaft zu vermeiden.

Der Bundesrat und Stiftungsratspräsident der Pro Juventute Heinrich Häberlin beschrieb 1927 die Jenischen – obwohl viele von ihnen Schweizer Bürgerinnen und Bürger sind – als «dunklen Fleck in unserm auf seine Kulturordnung so stolzen Schweizerlande». «Wer die Vagantität erfolgreich bekämpfen will, muss versuchen, den Verband des fahrenden Volkes zu sprengen, er muss, so hart das klingen mag, die Familiengemeinschaft auseinanderreissen», argumentierte Alfred Siegfried, Leiter des Hilfswerks.

 

Dünnes Mäntelchen über Vorurteilen
Mittlerweile – genauer gesagt seit der Unterzeichnung des Rahmenübereinkommens des Europarats 1997 – sind Jenische und Sinti unabhängig davon, ob sie sesshaft oder fahrend leben, in der Schweiz als nationale Minderheit anerkannt. Damit hat sich unser Land verpflichtet, es diesen Gruppen zu ermöglichen, ihre Kultur zu pflegen und weiterzuentwickeln.  Sechs Jahre darauf hat auch das Bundesgericht den Anspruch der Fahrenden auf angemessene Stand- und Durchgangsplätze bestätigt und statuiert, dass diese bei der Raumplanung vorgesehen und gesichert werden müssten.

Eine repräsentative Umfrage der Fachstelle für Rassismusbekämpfung (FRB) und des Bundesamtes für Statistik (BFS) vom vergangenen Jahr überraschte ausserdem mit grossem Wohlwollen in der Bevölkerung gegenüber der fahrenden Lebensweise, die noch von gegen 3000 Personen in der Schweiz gepflegt wird. Rund zwei Drittel der Befragten betrachten sie demnach als «Teil der Schweizer Vielfalt», Jenische und Sinti als «kulturelle Bereicherung». Dann aber kam die Pandemie, die alten Problemen neue Aktualität verlieh: Um die Abstandsregeln einhalten zu können, waren die Fahrenden auf zusätzliche Flächen angewiesen.

Ein Aufruf von Bund und Kantonen aber blieb bei den Gemeinden weitgehend ungehört. Und alte Ressentiments brachen wieder durch: «In Krisen blühen leider sämtliche Rassismen auf», erklärt der jenische Historiker und Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus Venanz Nobel, «wenn die Feindseligkeit in Krisenzeiten so offensichtlich zutage tritt, ist sie im Alltag nur unter einem dünnen Mäntelchen versteckt.» So wurde beispielsweise im Wallis die Einreise von Fahrenden aus Frankreich mit gültiger Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz im Mai 2020 dazu instrumentalisiert, pauschal Stimmung zu machen gegen Sinti und Jenische.

Fahrende würden von Straffreiheit profitieren, beschwerte sich die SVP, und der Präsident der Jungpartei verglich sie in einem Communiqué mit Wölfen und bezeichnete sie als «Schmarotzer». Simon Röthlisberger, Direktor der Stiftung Zukunft Fahrende Schweiz, kommentiert diese Vorgänge in der Neuen Zürcher Zeitung: «Der verbale Angriff auf eine verletzliche Minderheit schwächt den Zusammenhalt der Gesellschaft.» «Die Corona-Krise war ein Test, wo wir Fahrenden in der Schweiz stehen», ergänzt Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse, die älteste Selbstorganisationen von Jenischen und Sinti in Europa.

Historiker Nobel schliesslich fordert, dass das Thema in den allgemeinen Lehrplan für die Schulen aufgenommen werde. Denn die Umfrage von FRB und BFS offenbarte neben dem grundsätzlichen Wohlwollen eklatante Wissenslücken über die Minderheiten und ihre Lebensweise. Diese will Nobel schliessen, um Vorurteile abzubauen: «Den Rassismus können wir auf lange Sicht nur bekämpfen, wenn die Leute mehr über die Kultur der Jenischen, Sinti und Roma wissen.»

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