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Denken, fühlen, empfinden – die Gesamtheit dieser Vorgänge nennt man bei den Menschen Seele. Den Tieren haben die Menschen lange Zeit alle oder die Mehrheit dieser Vorgänge abgesprochen. Immer mehr Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass das falsch war. Auch Tiere können denken und empfinden, was bedeutet, dass sie auch eine Seele haben müssen. Den überzeugenden Beweis dafür ist Förster und Autor Peter Wohlleben mit seinem Buch «Das Seelenleben der Tiere» angetreten.

von Christine Schnapp

 

Die Überzeugung, dass Tiere keinen Schmerz empfinden, keine Persönlichkeit haben und sowieso nur ihren Instinkten folgen, konnte sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem dort durchsetzen, wo Nutztiere industriell gehalten und geschlachtet und Wildtiere im grossen Stil gejagt werden (wussten Sie, dass Rehe, Hirsche und Wildschweine mitnichten immer nachtaktiv waren? Das sind sie nur hierzulande, weil sie so den vielen Jägern besser ausweichen können). Anders als mit dem Wegreden von tierischen Empfindsamkeiten ist es moralisch kaum machbar, etwa Massentierhaltung zu betreiben, männliche Küken lebendig zu schreddern (wird in der Schweiz glücklicherweise nicht mehr getan, in vielen anderen Ländern jedoch schon) oder Hummer lebend ins kochende Wasser zu werfen. Doch nun häufen sich die Forschungsergebnisse, die bei Tieren zig Fähigkeiten jenseits ihrer Instinkte belegt haben. So sind beispielsweise selbst Schleimpilze (nicht ganz Tier, aber fast) zu intelligenten Handlungen fähig, indem sie den Ausgang aus Labyrinthen finden, Bienen zu einem Ich-Bewusstsein und Kolkraben zu einem Wortschatz mit 80 unterschiedlichen Rufen (ausserdem geben diese Vögel ihren Nächsten Namen). Und wieso sollten Fische über Schmerzrezeptoren verfügen, wenn sie angeblich keinen Schmerz empfinden können? Notabene sitzen die genau dort, wo beim Angeln der Haken durchsticht …

 

Denken mal anders

Die Vorstellung von Tieren als dummen, ausschliesslich instinktgesteuerten Wesen beruht im Wesentlichen auf zwei Denkfehlern. Erstens wurden lange Zeit bei Tieren jene Hirnregionen ignoriert, die anderes als triebgesteuertes Handeln ermöglichen. Doch warum sollten etwa Goldfische eine Amygdala besitzen, eine Hirnregion, die für das Empfinden von Angst zuständig ist, wenn sie sie doch nie brauchen, weil sie bloss von Trieben gesteuert werden? In der Natur gibt es nichts, das ohne Sinn und Zweck existiert. Wenn es mal so aussieht, eine Erscheinung wie beispielsweise der Blinddarm bei Menschen, habe keinen Zweck, dann ist er wohl einfach noch nicht bekannt. Tiere haben also diverse Einrichtungen in Gehirn, Nervensystem, Wahrnehmung oder Zellen, die Empfindungen und zielgerichtetes Handeln über ihre Instinkte hinaus erlauben; das alleine würde schon reichen als Beweis, dass sie diese Fähigkeiten haben, selbst wenn die Menschen noch nicht genau wissen, wie sie funktionieren, denn ansonsten wären sie nicht vorhanden. Ausserdem haben auch Menschen Instinkte, daraus wurde aber nie gefolgert, dass sie nicht auch darüber hinaus Steuerungsmechanismen besitzen können. Anerkennen muss man auch, dass Denken und Empfinden auch anders gehen können als mit einem Gehirn menschlicher Prägung. Hummer haben kein Gehirn, nehmen Schmerzen aber wahr, das haben Experimente von Biologen um Bob Elwood von der Queens University in Belfast gezeigt, die im Journal of Experimental Biology veröffentlicht wurden. In Höhlen mit verschiedenen Ausgängen gesperrt, erhielten dabei Krabben, die wie Hummer zu den Krustentieren gehören, beim Hinauskriechen beim einen Ausgang einen Elektroschock, bei den anderen nicht. Beim zweiten Durchgang hatten die Tiere bereits gelernt, welchen Ausgang sie nehmen mussten, um dem Schmerz aus dem Weg gehen zu können.

Zweiter Denkfehler war das Ignorieren der Tatsache, dass auch Menschen letztlich Tiere sind. Aus einem ähnlichen Bausatz folgt eigentlich, dass es im Verhalten von Menschen und Tieren grosse Ähnlichkeiten geben muss, mal abgesehen vom kognitiven Vorsprung, den die Menschen auf die Tiere haben. Doch bei der Konzentration auf Unterschiede ging schlicht vergessen, dass wir alle wohl etwa ähnlich ticken.

 

Was die alles können!

Peter Wohlleben, der mit seinem Bestseller «Das Geheime Leben der Bäume» schon zum Anwalt von Bäumen und Pflanzen wurde – auch sie Lebewesen, die viel mehr können, als Menschen gemeinhin annehmen –, legt mit «Das Seelenleben der Tiere» ein weiteres wichtiges Buch vor, das aufräumt mit der Vorstellung, die Menschen seien die einzig Klugen in diesem Weltenrund. Wohlleben trägt darin zahlreiche aktuelle Forschungsergebnisse aus der Tierwelt zusammen, die zeigen, dass Tiere zu Angst, Neugier, Freude, Voraussicht, Ich-Bewusstsein und vielem mehr fähig sind. Ergänzt werden diese Ergebnisse durch viele Beobachtungen, die Wohlleben als Förster und Tierbeobachter in Wald und Wiese sowie als Halter zahlreicher Nutz- und Haustiere über die Jahre gemacht hat. Im Folgenden einige verkürzte Beispiele aus dem Buch, in dem sie gut eingebettet in eine Reihe Überlegungen beschrieben werden.

 

Lügen im Hühnerstall

Der Sexualtrieb ist bei Hühnern und Hähnen unterschiedlich stark vorhanden. Kurz gesagt wollen Hähne immer, Hühner nur dann, wenn‘s nötig ist. Um Hühner anzulocken und dabei zum Zug zu kommen, gurrt ein Hahn in einem bestimmten Tonfall, der die Hühner glauben lässt, er habe gutes Futter gefunden. Wenn sie dann in seine Nähe kommen, fällt er über sie her. Doch der Trick funktioniert nicht immer, weil die Hühner schnell lernen, dass das nur ein Täuschungsmanöver ist. Und lernen setzt Reflexion voraus.

 

Diebstahl in der Voliere

Eichelhäher legen im Herbst von Jahren, in denen es wenige Eicheln und Bucheckern gibt, im Boden Verstecke für den Winter an. Dabei ist ihnen bewusst, dass sie beobachtet und entsprechend später ausgeraubt werden könnten. In einem Experiment an der Universität Cambridge haben Wissenschaftler dieses Verhalten in einem geschlossenen Raum nachgestellt. In der Voliere befand sich Sand oder Kies am Boden. Waren die Vögel beim Vergraben der Nahrung alleine, war es ihnen egal, ob sie dafür im Sand oder im Kies gruben. War jedoch ein Konkurrent im Gehege, vergruben sie ihre Beute ausschliesslich im Sand, weil das keine Geräusche verursacht. Auch Eichelhäher, die einen Artgenossen beim Vergraben beobachten, achten darauf, leise zu sein. Zwei Dinge werden bei diesem Experiment klar: Der Vogel, der ein Versteck anlegt, kann sich in den anwesenden Artgenossen hineinversetzen und dessen eingeschränktes Sichtfeld berücksichtigen. Und der zukünftige Dieb plant seinen Diebstahl offenbar voraus, indem er seine Lautäusserungen unterdrückt, um die Chancen des Raubs zu erhöhen.

 

Intelligenzija im Bienenstock

Bienen gelten nur im Schwarm als intelligent. Dem einzelnen Tier hingegen wird nicht viel Verstand attestiert. Dass das falsch ist, zeigt etwa die Beobachtung, dass junge Bienen, die zum ersten Mal den Stock verlassen, die Sonne als Kompass benutzen. Mit ihrer Hilfe entwickeln sie eine innere Landkarte rund um ihr Zuhause und merken sich darin auch ihre Flugrouten. Sie haben also eine Vorstellung davon, wie ihre Umgebung aussieht. Beim Schwänzeltanz, mit dem zurückkehrende Arbeiterbienen ihren Genossinnen anzeigen, wo wie viel Futter zu holen ist, zeigt sich, wie ausdifferenziert dieses räumliche Vorstellungsvermögen der Bienen ist. In einem Experiment der Freien Universität Berlin wurde die Nektarquelle, von der die Bienen berichtet hatten, entfernt. Die ausgeflogenen Tiere kehrten darauf zurück und holten sich neue Koordinaten. Die Forscher beseitigten jedoch auch diese zweite Quelle, was wieder Frustration auslöste. Daraufhin versuchten es einige Tiere nochmals bei der ersten Quelle, und als dort noch immer nichts war, flogen sie direkt zum zweiten Ort, den ihre Artgenossinnen ihnen angezeigt hatten. Sie hatten also aus den beiden Informationen, die jeweils vom Stock aus den Weg zur einen oder anderen Quelle anzeigten, den dritten Weg errechnet, nämlich den direkten von der einen zur anderen Nahrungsquelle. Mit Schwarmintelligenz hat das nichts zu tun. Mehr noch zeigt diese Denkleistung an, dass Bienen in die Zukunft planen können, über Dinge nachzudenken vermögen, die sie noch nie gesehen haben, ihren Körper in diesem Zusammenhang wahrnehmen und damit sich ihrer selbst bewusst sein müssen.

Die Schlauen aus dem Schweinestall

In einem Experiment von Forschern des Friedrich-Loeffler-Instituts mit Schweinen haben die Wissenschaftler untersucht, ob sich die Tiere an Namen gewöhnen können, damit sie zum Füttern einzeln aufgerufen werden können und nicht mehr alle miteinander zum Trog stürzen. Nach einem einwöchigen Einzel-Training kamen die Schweine als Gruppe zurück in den Stall. Mit einer Zuverlässigkeit von 90 Prozent ging nun immer nur das Tier zum Trog, dessen Name aufgerufen worden war. Die anderen dösten derweil vor sich hin, nur der Puls des Aufgerufenen ging in die Höhe. Einen Namen muss man aber mit sich selbst verbinden, man braucht also ein Selbstbewusstsein – was mehr ist als nur ein Bewusstsein. Kein Wunder also, dass Schweine auch den Spiegeltest bestehen, also einen farbigen Punkt in ihrem Gesicht im Spiegel als Fremdkörper wahrnehmen.

 

Hündische Gerechtigkeit

In einem Experiment von Forschenden der Universität Wien wurden zwei Hunde, die einander kannten, nebeneinandergesetzt. Nun sollten sie den Befehl: «Gib Pfötchen!» ausführen, worauf es manchmal eine Belohnung gab und manchmal nicht, aber es wurden beide Hunde gleichbehandelt. Im zweiten Durchgang hoben die Forschenden diese Gleichbehandlung auf. So belohnten sie nur den einen Hund, obwohl beide den Befehl richtig ausgeführt hatten. Irgendwann verweigerte das benachteiligte Tier die Zusammenarbeit – aber nur in der Variante, in der stets beide Hunde nebeneinander sassen. Kam es im Einzelexperiment dazu, dass ein korrekt ausgeführter Befehl nicht belohnt wurde, machte der betroffene Hund weiterhin mit. Solche Neid- und (Un-)Gerechtigkeitsgefühle waren davor erst bei Affen beobachtet worden.