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Zu viel Glas und zu viele dunkle Oberflächen: So gestaltet sich die moderne Architektur in der Schweiz. Vertikale Gärten an den Fassaden fehlen, obschon sie ein Beitrag gegen die Folgen der Klimaerwärmung wären, wie erfolgreiche Beispiele im Ausland zeigen.

von Anton Ladner

 «Eine Blume für jeden Bewohner und einen Strauss für die Stadt.» So beschrieb Bertram Beissel, Mitarbeiter des französischen Architekten Jean Nouvel, die zwei Wohntürme One Central Park in Sydney. Entworfen wurden sie von seinem Chef Jean Nouvel mit der Absicht, «grünes Wohnen» in der Stadt neu zu definieren. Das symbiotische Pflanz- und Gebäudekonzept will ein Leben im Einklang mit der Natur bieten und das Stadtklima verbessern. Die Wohntürme wurden 2015 fertiggestellt und haben seither das Versprechen eingelöst. Die vertikalen Gärten des Botanikers Patrick Blanc gedeihen mit insgesamt 38 000 einheimischen und exotischen Pflanzen gut an der Ost- und Nordfassade der beiden Türme. Der 67-jährige Franzose Patrick Blanc wurde durch seine «murs végétaux», senkrechte Gartenbeete, international berühmt. Blanc hatte das Verfahren von Stanley Hart White modernisiert, der seine Erfindung in den 1930er-Jahren patentieren liess. White war von 1922 bis 1959 Professor für Landschaftsarchitektur an der University of Illinois und Erfinder der «Botanical Bricks».

Blanc besuchte als 19-jähriger Student Thailand, wo er feststellte, dass Pflanzen ohne Erdboden und nur mit Licht und Wasser auskommen können. Das inspirierte ihn 1982 zu einem vertikalen Garten an seinem Haus in Paris. Sein späteres Patent basiert auf einem Leichtmetallgerüst mit PVC-Platten und Bewässerungsrohren mit einer Zeitschaltung. Auf den Platten wird ein Acrylfilz angebracht, wo sich Mikroorganismen einnisten und von Molekülen, die die Luft verschmutzen, in Dünger verwandelt werden. Staubpartikel und Abrieb von Autoreifen werden auf diese Weise biologisch abgebaut. Seinen Durchbruch hatte Blanc mit den grünen Wänden am Pariser Museum Quai Branly, das 2004 von Jean Nouvel erbaut wurde und auch als Chirac-Museum bekannt ist. Die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron liessen danach von Blanc im Jahr 2007 eine Wand des Caixa-Forums in Madrid zum vertikalen Garten verwandeln. Das Projekt in Kuala Lumpur, ebenfalls zwei Wohntürme von Jean Nouvel, ist für Blanc das grösste seiner Karriere. Die Wolkenkratzer sind 200 Meter hoch und verfügen an der gesamten Fassade über vertikale Gärten., was eine grosse Herausforderung war.

Vertikale Gärten sind ein Teil des vertikalen Wohnens, der Wohnform der Zukunft in Metropolen. Da es an Land fehlt, um die Städte weiter nach aussen wachsen zu lassen, müssen neue Lebensformen in der Höhe geschaffen werden. Wolkenkratzer sollen in Zukunft neben Wohnungen, Restaurants und Läden vor allem Gärten haben, damit sie zu einer Art Dörfer in den Wolken werden. Auf diese Weise wird die lineare Form aufgelöst, Stockwerkgruppen erhalten eigene Identitäten: Gärten, Plattformen, Sportanlagen, Ladengalerien. Mit der Integration von Grünflächen können Grundstücke kompensiert werden, die für die Überbauung genutzt wurden. Dadurch gehen in Metropolen durch Überbauungen nicht zunehmend mehr Grünflächen verloren, vielmehr können dadurch sogar zusätzliche neue entstehen. Der Stadtstaat Singapur hat ein entsprechendes Gesetz erlassen. Was an Grün durch einen Bau verloren geht, muss am Bau auf irgendeine Weise wieder entstehen. Das Hotel Marina Bay Sands in Singapur, das 2010 für 5,7 Milliarden Franken mit 2531 Zimmern gebaut wurde, ist ein Beispiel dafür: Auf die drei Hoteltürme wurde ein Riegel gelegt, auf dem nun neben einem langen Schwimmbad ein Garten erblüht. Der Skypark, der sich in 200 Metern Höhe über alle drei Türme des Hotels erstreckt und eine einzigartige Aussicht über Singapur bietet, hat sich zu einer grossen Attraktion entwickelt. Auch Nicht-Hotelgäste können gegen Eintrittspreis die tropischen Gartenanlagen, das Restaurant und den Nachtclub auf dem Dachpark besuchen.

Gute Architekten und herausragenden Ideen nützen allerdings nichts, wenn die Bauordnungen nicht an die neuen Bedürfnisse angepasst werden. In diesem Punkt besteht viel Nachholbedarf in der Schweiz. Vor allem sollten die Bauvorschriften stärker als Instrument gegen die Folgen der Klimaerwärmung eingesetzt werden. Materialien, Farben und Formen, die die Städte noch stärker aufheizen, sollten nicht mehr bewilligt werden.

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