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Berge, das sind keine leblosen Steine. Berge sind Wesen der Natur, Meister der Ruhe und Beständigkeit, schreibt Carolyn Sanicanin. Sie hat für ihre Maturaarbeit 2020 an der Kantonsschule Zürich-Enge die Gesichter und Charaktere der Berge fotografisch eingefangen. Für diese Arbeit wurde sie ausgezeichnet. Hier ein Auszug aus dieser hervorragenden Arbeit.

Für mich ist die Natur Vollkommenheit. Sie beinhaltet alles, umfasst alles. Ein Sonnenaufgang ist still und lieblich, ein Sturm tosend und mitunter furchteinflössend. Licht und Dunkelheit, Wärme, Kälte, Leben und Tod – jeder Gegensatz ist in der Natur vorhanden. Eine mächtige Gebirgskette, dunkel, schroff und bedrohlich wirkend, bedeckt von einer zarten weissen Schneedecke, die sich im letzten Licht des Tages rötlich färbt – solche Gegensätze verleihen der Natur eine erhabene Schönheit, die mich überwältigt.

Die vollkommene Harmonie, die in der Natur herrscht, beeindruckt mich. Alles scheint perfekt angeordnet und aufeinander abgestimmt zu sein. Ich sehe Berge, die wirken wie eine riesige Skulptur in der Landschaft, ich sehe Szenerien, die ein einziges Kunstwerk aus harmonierenden Strukturen und Farben darstellen.

Ich denke, die Natur ist vollkommen, zwar nicht makellos, aber genau deswegen vollkommen, denn dieses allumfassende Wesen der Natur berührt, beeindruckt, inspiriert. Durch meine Leidenschaft, das Klettern und Bergsteigen, habe ich den Zugang zu den Alpen gefunden.

Früher habe ich mich oft gefragt, was eigentlich der Sinn davon ist, einen Berg zu besteigen, nur, um dann wieder ins Tal zurückzukehren. Doch wie ich älter werde, das Kindesalter verlasse, merke ich immer mehr, wie kostbar eigentlich Freiheit ist. Denn man verliert sie immer mehr, wenn man erwachsen wird. Umso wichtiger ist es, einen Ort zu finden, an dem man sich frei fühlt. Ich habe diesen Ort in den Bergen gefunden. Wenn ich in den Bergen wandere, spüre ich mit jedem Schritt, der mich näher zu den Gipfeln bringt, wie sich eine Leichtigkeit und Unbeschwertheit in mir ausbreiten. Ich habe das Gefühl, endlich heimzukehren, und beginne die Freiheit zu fühlen, während ich das Tal, die Zivilisation, die Sorgen hinter mir lasse. Negative Gefühle verblassen und zurück bleibt eine unbeschreibliche, kindliche Freude, von der ich manchmal gar nicht mehr weiss, dass ich sie noch besitze.

Meistens, wenn ich einen Gipfel erreiche oder einen Pass überschreite und mich ein Panorama erwartet, als läge mir die Welt zu Füssen, fühle ich mich plötzlich winzig klein, aber gleichzeitig unbesiegbar und voll von Lebensfreude. Dies ist dann einer der seltenen Momente, in denen ich völlig im Moment lebe, weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft denke, sondern nur die Schönheit meiner Umgebung in der Gegenwart wahrnehme und bewundere.

In diesem Moment scheint die Zeit stillzustehen oder eher keine Bedeutung mehr zu haben. Beobachte ich, wie ein Bergbach in die Tiefe stürzt, sehe ich zwar förmlich, wie die Zeit vergeht, wie sich das Wasser bewegt, aber die Zeit bekommt eine andere Bedeutung.

Sie verrinnt zwar immer noch unaufhaltsam, gleich schnell wie immer, aber dennoch verliert sie auf eine unerklärliche Art und Weise an Bedeutung, bis man eben das Gefühl bekommt, sie stehe vollkommen still.

Doch wie soll ich mit Worten diese Gefühle beschreiben? Anders als mit Bildern konnte ich meiner Faszination, meiner Liebe zu den Bergen, keinen Ausdruck verleihen, denn eine grossartige Eigenschaft der Fotografie ist meiner Meinung nach, dass sie keine Worte braucht.

Wollte ich beschreiben, was ich beim Anblick eines mächtigen Gletschers, eines stillen Bergsees oder einer weiten, kargen Hochebene in den Bergen empfinde, würde ich scheitern oder würde, noch schlimmer, meine Gefühle unverständlich oder irreführend ausdrücken.

Bilder verhalten sich ganz anders als Worte. Worte können oft verwirrend sein und falsch verstanden werden. Bilder kann man aber nicht falsch verstehen, weil ein Bild sofort und ungewollt irgendwelche Gefühle oder eine bestimmte Stimmung im Betrachter hervorruft. Das ist wie Musik: Müssen wir eine Melodie zuerst verstehen, bevor wir beim Zuhören etwas empfinden? Nein, das geschieht ganz von alleine.

Worte werden intellektuell aufgenommen, verarbeitet, interpretiert und manchmal auch falsch interpretiert. Kurz, ich denke, Bilder kann man nie falsch verstehen, man kann sie nur verschieden verstehen und mit Worten ist alles schwieriger.