Kundendienst: Tel. 056 203 22 33 kundendienst@dornbusch.ch

Askese hat heute einen bitteren Beigeschmack. Mangel oder gar Verlust wird mit ihr gleichgesetzt. Etwas Askese im Alltag führt jedoch zu neuen körperlichen Wahrnehmungen – zu einer Steigerung des Körpergefühls. Aus dem Weniger wird ein Mehr.

Geboren in Spanien vor knapp 2000 Jahren war Lucius Seneca zu seiner Zeit ein Star. Als Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Politiker und als Stoiker war er einer der meistgelesene Schriftsteller seiner Zeit. Seine Gedanken hatten Gewicht. Er empfahl unter anderem, gelegentlich das Leben eines Mittellosen zu führen. Konkret bedeutete das: hart schlafen, bescheiden essen und auf Angenehmes verzichten. Das helfe, die Sinneslüste zu kontrollieren, fördere die Unabhängigkeit gegenüber der äusseren Welt und führe zu einer vorurteilslosen Sicht.

Natürlich leben wir heute in einer anderen Zeit – Verzicht ist deshalb wohl bedeutend schwieriger als damals. Aber er ist dennoch möglich und gut. Zum Beispiel mit einem Intervallfasten. Frühstück um sieben Uhr am Morgen, dann nur Kaffee, Tee oder Wasser bis zum Nachtessen um sieben oder später am Abend. Wer das einige Tage durchzieht, wird viel feststellen: Das Abendessen wird zum Festessen – auch wenn es nur zwei Spiegeleier mit Brot und Salat gibt. Die Wahrnehmung ist einfach intensiver. Oder der Verzicht darauf, am Abend auf dem Sofa vor dem Fernseher Erholung zu suchen. Stattdessen kann man einen Schrank aufräumen oder im Badezimmer für neue Ordnung sorgen. Dies erweist sich als Wegtauchen in eine andere Welt. Das ist entgegen der allgemeinen Erwartung mit einem nachhaltigen Erholungswert verbunden und mit Freude, wenn man die Schranktür öffnet oder das Badezimmer betritt. Diese Freude ist auch Erholung. Oder gehen statt fahren. Es ist kein Zufall, dass in den grossen Religionen Wege mit einer heilsamen Wirkung verbunden sind: der Jakobsweg oder lokale Wallfahrten, die Pradakshina, das rituelle Umschreiten eines Heiligtums bei Buddhisten und Hindus, die Pilgerfahrt (Haddsch) der Muslime nach Mekka. Gehen wird zur Inspiration, indem man nach links und rechts schaut. Gehen dient der Vertiefung, indem man dabei Gedanken entwickelt und ordnet. Gehen verhilft zur Distanznahme.

Oder ein Museumsbesuch zur Kontemplation, bei dem auf 90 Prozent der ausgestellten Objekte verzichtet wird. Denn laut Forschung verharren Museumsbesucher durchschnittlich nur 20 Sekunden vor einem Kunstwerk. Das ist zu wenig, als dass etwas passieren könnte. Schaut man hingegen lange, stellt sich eine neue Erfahrung ein, die auch auf den Körper durchschlägt.

Share This