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Die Stille wird heute oft als Nichts empfunden, der Rückzug aus dem Online-Leben als Leere. Aber will der digitale Mensch tatsächlich nur gehetzt und gestresst sein? Ist die Entnetzung eine Lösung?

Inzwischen gibt es zahlreiche gut klingende Wörter dafür: handyfreier Abend, Digital Detox, Internet-Abstinenz. Aber diese Begriffe haben immer einen Beigeschmack von Verzicht, Leiden und Nachteil. Deshalb braucht diese Bewegung Prediger, die lang und breit darlegen, um was es dabei geht. Einer davon ist der deutsche Medienwissenschaftler Guido Zurstiege, der vor wenigen Monaten sein Buch «Taktiken der Entnetzung» herausgegeben hat. «In einer Zeit, in der jeder permanent sendet und auf Empfang ist, stellt die Fähigkeit zur Entnetzung eine der wichtigsten Bedingungen für die Selbstbehauptung und Selbstbestimmung des Individuums dar», steht im Einführungstext. Und weiter die etwas aufschreckende Prognose: «Jeder braucht heute Taktiken der Entnetzung, um den Herausforderungen des digitalen Zeitalters erfolgreich zu begegnen.» Bisher galt die Vernetzung als Nonplusultra. Vernetzung, um voranzukommen, um Karriere zu machen, um nicht einsam zu werden. Jetzt gilt es somit mit gezielter Entnetzung irgendwie noch erfolgreicher zu werden. Das Buch trägt den Untertitel «Die Sehnsucht nach Stille im digitalen Zeitalter», was eigentlich der Titel des Buches sein müsste. Denn die Vernetzung des Menschen ist eine gute Sache. Der Mensch ist ein soziales Wesen, angelegt auf Teilnahme, Anteilnahme, Solidarität und Verbundenheit. Die digitalen Möglichkeiten erleichtern das erheblich. Weil diese Möglichkeiten heute so reichhaltig sind, benötigt der Mensch im Umgang mit ihnen mehr Stille «zur Verdauung» der damit verbundenen Emotionen. Nicht die Entnetzung ist ein Gewinn, sondern die Stille nach der Vernetzung. Sie ermöglicht die Verbindung mit sich, ein innerer Dialog, die Verbindung mit der Seele. Der Wirkung der Vernetzung nachzuspüren ist letztlich ein spiritueller Prozess. Das Gespräch mit sich führt nämlich immer zu den komplexen Aspekten des Lebens: Wahrheit, Gerechtigkeit, Macht, Ohnmacht, Schmerz, Hoffnung. Die Stille führt in neue Dimensionen – dank der Vernetzung. Aber nur dann, wenn man sich die Stille nimmt, nicht als Verzicht, sondern als Gewinn.

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