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Visuelle Verschmutzung der Städte – jetzt geht man auch in Berlin dagegen vor. Im brasilianischen São Paulo hingegen ist man schon seit 2007 so weit – die Stadt hat Werbeplakate aus dem Aussenraum verbannt. Werden werbefreie Städte bald im grossen Stil Realität?

von Nena Morf

Die Werbeblöcke im Fernsehen muss man sich nicht zu Gemüte führen, wenn man nicht möchte. Genauso wenig ist man der Radiowerbung auf Gedeih und Verderben ausgeliefert–der Ausschaltknopf macht es möglich. Dieser fehlt uns aber, wenn wir durch die Stadt spazieren, auf den Zug warten oder vom Büro aus einen Blick aus dem Fenster werfen. Werbeplakate und sogenannte hintergrundbelichtete Screens gehören mittlerweile zu den Stadtbildern wie Kirchen und Zebrastreifen. Nun werden viele Stimmen laut, die stärkere Regulierungen fordern.

Visuelle Verschmutzung

Im November 2017 kam die Genfer Initiative «Genève Zéro Pub» zustande. Sie will Werbung auf öffentlichem Grund im Stadtzentrum verbieten. Laut den Initianten ist die kommerzielle Plakatwerbung eine «visuelle Verschmutzung». Die Plakate sollen lokalen und karitativen Organisationen sowie der Kultur zur Verfügung stehen. Die Initianten wollen auch, dass wieder vermehrt über die Rolle der Werbung in der Gesellschaft nachgedacht wird. Damit sind sie nicht allein. Unterstützt wird die Initiative von den Grünen, der SP und den Linksaussen Parteien. Die SP ist auch in der Touristenstadt Luzern aktiv. Hier wurde 2017 die Interpellation «Wie viel Werbung erträgt Luzern?» eingereicht. Simon Roth, Grossstadtrat der SP Stadt Luzern, hofft, dass das Thema ernsthaft diskutiert wird: «Wir wollen das Thema jetzt anpacken, bevor wir vor vollendeten Tatsachen stehen und die gesamte Stadt zugepflastert ist.» Simon Roth sind vor allem die digitalen Screens ein Dorn im Auge: «Für deren Einsatz in Schaufenster gibt es heute gar keine Regelungen.» Die Interpellanten wollen, dass dem Erscheinungsbild von Luzern mehr Sorge getragen wird und Schutzzonen eingerichtet werden. «Werbung auf privatem Grund ist auch problematisch», sagt Simon Roth, «denn diese bespielt in der Regel ebenfalls den öffentlichen Raum, es müssen aber keine Konzessionen an die Stadt bezahlt werden.» Die Werbelobby sei sehr stark – aber die Stadt Luzern sowie ihre Bewohner und Bewohnerinnen sollten sich mit dem Thema trotzdem auseinandersetzen. Die Forderung nach komplett werbefreien Städten ist für Simon Roth allerdings ein zu grosser Schritt: «Ein komplettes Werbeverbot ist wohl nicht sinnvoll, doch für einen sorgsamen Umgang mit Werbung braucht es klare Regeln.»

Keinen Rappen für die Stadt

Christian Hänggi, der Präsident der Organisation IG Plakat Raum Gesellschaft (IG PRG), sieht wie der Politiker Simon Roth ein grosses Problem in der Werbung auf privatem Grund: «Drei Viertel der Plakatwerbung in der Stadt Zürich stehen auf privatem Grund–daran verdient die Stadt keinen Rappen.» Die IG PRG setzt sich seit über zehn Jahren für «die nachhaltige Reduktion der Aussenwerbung in Stadt und Kanton Zürich ein». Laut Christian Hänggi finden sich in der Schweiz mehr Plakatstellen pro Quadratkilometer als in vielen anderen Ländern, wobei die Bevölkerung null Mitspracherecht habe: «Da muss man sich doch unweigerlich fragen, inwiefern das eine akzeptable Situation ist.» Die APG SGA, Schweizer Marktleaderin in der Aussenwerbung, wäre von Neuregelungen direkt betroffen. Laut Sprecherin Nadja Mühlemann würden Werbeverbote aber dem verfassungsmässigen Recht auf Wirtschaftsfreiheit widersprechen. «Zudem beschäftigt die Werbebranche in der Schweiz mittel und unmittelbar rund 22 000 Menschen, die jährlich einen Umsatz von über sieben Milliarden Franken erwirtschaften.» Laut der APG SGA würden Werbeträger nur dort platziert, wo es sinnvoll sei: «Der dezente und standardisierte Formateinsatz erhöht die Werbewirkung, der öffentliche Raum ist in der Schweiz hinsichtlich Werbung zudem stark reguliert», sagt Nadja Mühlemann. Dies bejaht Bernard Liechti vom Amt für Städtebau der Stadt Zürich: «Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hat die Aussenwerbung in der Schweiz zwar einen relativ grossen Anteil am gesamten Mediamix. Anders als in anderen Ländern sind die Formate jedoch kleiner.» Laut dem Amt für Städtebau habe sich das Plakatierungsgesetz von 1992 bisher gut bewährt. «Die Digitalisierung hat indes auch in der Aussenwerbung Einzug gehalten», so Bernard Liechti, «und der Wandel soll dafür genutzt werden, die Anzahl der Werbeflächen insgesamt zu reduzieren und damit die Qualität des öffentlichen Raumes zu steigern.»

Keine Werbung in São Paulo

Auf der anderen Seite des Atlantiks veränderte sich das Stadtbild auf Geheiss der Behörden auf deutlich grösseren Flächen: Seit 2007 ist die brasilianische Metropole São Paulo werbefrei. «Es war einfach zu viel, überall hingen Plakate und Banner–die Bevölkerung konnte das nicht mehr verkraften», argumentierte damals der 2014 verstorbene Architekt Jorge Wilheim, der zu jener Zeit das Stadtplanungsbüro von São Paulo leitete. Der damalige liberale Bürgermeister Gilberto Kassab setzte das «Gesetz der sauberen Stadt» um, das die Aussenwerbung vollkommen verbot: 15 000 Werbeplakatwände und 300 000 grosse Beschriftungen verschwanden aus der Stadt. «Den Leuten gefällts, auch wenn einige Strassen nun merklich dunkler sind, weil mit den Riesenplakaten auch die Scheinwerfer verschwanden» ,so Jorge Wilheim. In den USA sind die Bundesstaaten Alaska, Hawaii, Maine und Vermont seit Jahrzehnten frei von Aussenraumwerbung. Auch in Europa ist einiges passiert: 2014 entschloss sich die französische Alpenstadt Grenoble, 326 Anzeigetafeln zu entfernen. «Unsere Bewohner möchten den öffentlichen Raum selber gestalten», sagte der Bürgermeister Éric Piolle. In Berlin formierte sich 2017 die Bürgerinitiative «Berlin Werbefrei», die ein Verbot für Plakatwerbung an Bushaltestellen und Baugerüsten fordert. Laut den Initianten würde Werbung öffentlichen Raum für sich vereinnahmen, ohne dass ihr dies zustehe. Zudem würden die Städte durch die international einheitlichen Werbekampagnen ihr je individuelles Gesicht verlieren.

Einfach Gewöhnungssache?

Die Vereinheitlichung der Städtedurch die immer gleichen Werbeplakate und Screens der grossen internationalen Konzerne ist auch für Christian Hänggi der IG PRG ein problematisches Thema: «Nach jahrelangem Kampf begrüsse ich es, dass dieses Thema nun vermehrt diskutiert wird.» Laut der APG SGA handelt es sich bei den Werbeverboten in Städten aber «gewiss nicht um einen Trend, der sich auch in der Schweiz durchsetzen wird». Hinzu komme, dass die traditionsreiche Schweizer Plakatkultur eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung geniesse. Noch scheinen werbefreie Städte hierzulande unvorstellbar. «Wir kennen es nicht anders und sind es gewohnt, etwa auf dem Arbeitsweg an Dutzenden Werbeplakaten vorbeizukommen», sagt der Politiker Simon Roth. Würde sich etwas ändern, wenn die Bevölkerung die Aussenwerbung nicht mehr als unvermeidbar hinnehmen würde? «Einzelne profitieren von der Werbung im Aussenraum, während die Mehrheit damit leben muss», sagt Christian Hänggi, «dabei sollten wir in einer Demokratie die Entscheidungsfreiheit haben.» Die Diskussion wird so schnell wohl nicht abgeschlossen sein. Auch dort, wo bereits Entscheide gefallen sind, hält sie weiterhin an: In São Paulo wurden die Regelungen nach dem Entscheid von 2007 wieder etwas gelockert, an Bushaltestellen hängen mittlerweile wieder vereinzelt Werbeplakate.