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Bei der kognitiven Selbstfürsorge geht es auch darum, sich gedanklich vor den Belastungen des Alltags zu schützen. Denn man kann mit Gedanken steuern, wie viel Ärger und Stress man sich aussetzen will. Die Kunst, Belastungen kleinzuhalten, ist lernbar.

Sobald bei Stella ein Telefonanruf, ein Mail oder ein Brief eintrifft, wird sie zur Erfüllungsgehilfin. Sie will sofort handeln und überlegt sich nicht, ob das überhaupt notwendig ist. Geht es um eine Mahnung, ruft sie ihren Mann im Büro an, um zu fragen, ob ein Fehler vorliege oder ob er tatsächlich nicht bezahlt habe. Hat die Leiterin des Sportclubs geschrieben, ruft sie ihre Tochter in der Unterrichtspause an. Das sorgt regelmässig für Spannungen, weil die vermeintliche Dringlichkeit zu abweisenden Reaktionen bei Mann und Tochter führt. In der Regel kommt es zu Vorwürfen: «Deswegen rufst du mich mitten in der Arbeit an, das kann doch warten», «Das ist doch überhaupt nicht wichtig» etc. Dies löst natürlich bei Stella Verbitterung aus. Sie fühlt sich nicht ernst genommen, gestresst und auch machtlos.

Mit etwas kognitiver Selbstfürsorge könnte sie viel gewinnen. Denn bei der Selbstfürsorge gilt es auch, sich vor den Belastungen des Alltags zu schützen. Man kann sich ihnen nicht entziehen, aber man kann entscheiden, wie nahe man sie an sich heranlässt und wie stark man sich ihnen aussetzen will. Es geht dabei um die Kunst, Belastungen kleinzuhalten. Den halben Tag an eine Mahnung zu denken, nützt ja nichts, wenn man das im Gespräch am Abend in zwei Minuten lösen kann. Es geht darum, ob und wie man sich vor Aufregungen, Ärger, Stress und vor den daraus resultierenden Belastungen schützen will. Wird man sich dieser Notwendigkeit nicht bewusst, verliert man schnell sein psychisches Gleichgewicht. Geschieht das mehrmals an einem Tag (bei Stella mit der Reaktion ihres Mannes und ihrer Tochter), geht die innere Harmonie verloren. Im Fall von Stella allerdings hausgemacht, weil sie mit ihrem Verhaltensmuster immer wieder in die gleiche Falle gerät. Wenn sich Stella zu überleben beginnt, wie sie sich vor den negativen Reaktionen ihres Mannes und ihrer Tochter schützen kann, wird sie wohl früher oder später zu der Lösung kommen, dem Mann am Abend die Mahnung zu zeigen und die Tochter nach der Schule zu informieren. Die Reaktionen werden anders ausfallen. Und die wenigen Stunden «Verspätung» haben überhaupt keine Relevanz. Aber Stella wird sich vor schlechten Gefühlen schützen und einen unbelasteten Abend mit ihrer Familie verbringen. Kognitive Selbstfürsorge beginnt dort, wo man nicht mehr das «richtige Verhalten» erwartet, sondern überlegt handelt, um geschützt über die Runden zu kommen.

Anton Ladner