Kundendienst: Tel. 056 203 22 33 kundendienst@dornbusch.ch

Menschen lieben die unberührte Natur. Eine im Nationalpark Schwarzwald durchgeführte Studie lässt sogar vermuten, dass wir uns umso besser erholen, je wilder die Natur ist. Von dieser Erkenntnis könnten sowohl die Parkbesucher als auch der Naturschutz profitieren.

von Leonie Pahud

In Nationalpärken sollen Tiere und Pflanzen ungestört gedeihen. Menschen sind nur als Beobachter zugelassen. Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die auf die Regeln pfeifen und zum Beispiel ihren Wanderpfad verlassen, um verbotenerweise in die unberührte, wilde Natur fernab des Weges einzutauchen. Wodurch diese Natur zwangsläufig nicht unberührt bleibt. Mit diesem Problem müssen sich Nationalpärke und vergleichbare Einrichtungen grundsätzlich auseinandersetzen: Einerseits sollen sie die Natur schützen, indem sie einen Rückzugsort für seltene Tiere und Pflanzen bieten und menschliches Eingreifen ausschliessen. Andererseits sind sie auch eine Touristenattraktion und müssen Bedürfnisse der Bevölkerung nach Naturerlebnissen und Naherholung und eben nach ein bisschen Wildnis erfüllen.

Dieses Dilemma zwischen Naturschutz und Nutzungsdruck kennt auch der Nationalpark Schwarzwald. Gelegen inmitten eines dicht besiedelten Gebiets, circa zwei bis drei Autostunden von der Schweizer Grenze entfernt, dient das Parkgebiet als Erholungsraum für die Bewohner der umliegenden Orte. Damit tun sich die Besucher etwas Gutes. Was viele intuitiv ohnehin längst wussten, gilt mittlerweile dank zahlreicher Studien als wissenschaftlich belegt: Naturaufenthalte haben eine positive Wirkung auf Körper, Psyche und Geist.

Die Magie der Wildnis

Der Nationalpark Schwarzwald will allerdings noch genauer wissen, wie der Park auf seine Besucher wirkt. «Natur verspricht nicht per se Erholung. Insbesondere die Wirkung von Wildnis, also wilder Natur, ist noch eher wenig erforscht», sagt der Umweltpsychologe Eike von Lindern vom privaten Forschungsinstitut Dialog N. Im Auftrag des Nationalparks untersucht er deshalb, welches Mass an Wildnis die Parkbesucher erleben und wie sich dieses auf Erholung und Wohlbefinden auswirkt. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts können dem Park später von ganz konkretem Nutzen sein. Denn mit einem besseren Verständnis für das Wildnis-Erleben könnten zum Beispiel Wanderwege so gestaltet werden, dass das Bedürfnis der Besucher nach wilder Natur bereits derart befriedigt wird, dass sie die Wege gar nicht erst verlassen wollen.

Zusammen mit seiner Kollegin Susanne Blech hat der Umweltpsychologe von Lindern während einer fünftägigen Feldforschungsphase im Oktober des vergangenen Jahres Daten zum Erleben von Wildnis erhoben. Um überhaupt messen zu können, wie wild die Testpersonen die Landschaft erlebten, erstellten von Lindern und sein Team einen speziellen Fragebogen. Dabei ging es den Forschern nicht darum, zu erfassen, ob es sich um wilde Natur handelt, so wie Biologen sie definieren. Denn nach streng ökologischen Kriterien gibt es in Europa kaum mehr Wildnis. «Trotzdem können die Leute Natur aber als wild empfinden», erklärt der Umweltpsychologe. Um dies zu messen, definierten die Forscher verschiedene Kriterien für Wildnis, wie zum Beispiel eine naturnahe Landschaft, eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt, ein raues, unwegsames Gelände oder wenig Infrastruktur und Spuren menschlichen Eingreifens. Auf Basis dieser Auffassung von Wildnis erstellten die Forscher einen Katalog von Fragen, die das individuelle Wahrnehmen und Erleben von Wildnis ermitteln. Diesen ergänzten sie mit weiteren Fragen, zum Beispiel nach dem Erholungszustand der Probanden, um so das Besuchererlebnis möglichst genau zu erfassen.

Unterwegs im Nationalpark

Ausgerüstet mit eben jenem Fragebogen, einem GPS-Gerät und einem Brustgurt zur Herzfrequenzmessung wanderten die 15 Studentinnen und Studenten, die an der Studie teilnahmen, anschliessend durch den Nationalpark. Ihr Auftrag: an 24 im GPS-Gerät gespeicherten Stellen anhalten, die Umgebung fünf Minuten auf sich wirken lassen und anschliessend den Fragebogen zum Wildnis-Erleben beantworten. Die Messung der Herzfrequenz diente später als ein objektives Mass dafür, wie gestresst und angespannt eine Person war, als sie einen Punkt auf dem Weg beurteilte. Denn mithilfe der Herzfrequenzdaten konnten die Forscher einen Wert für den physiologischen Stress ermitteln.

Von Lindern und sein Team wollten aber nicht nur wissen, wie die Wandervögel die im Vorfeld definierten Wegpunkte erleben. «Wir wollten auch herausfinden, welche Dinge und Eigenschaften die Leute als förderlich oder hinderlich für das Eintauchen in die Wildnis empfinden», sagt der Umweltpsychologe. Deshalb schickte er die Studienteilnehmer auf einen weiteren Rundwanderweg. Diesmal lautete der Auftrag, jene Stellen mittels GPS-Gerät zu markieren, die sie persönlich als besonders fördernd oder als besonders störend für das Eintauchen in die Wildnis empfanden. Gleichzeitig mussten sie ein Foto der Stelle machen und einige Fragen beantworten.

GPS-Koordinaten, Landschaftsfotos, Herzschläge pro Minute und unzählige Antworten aus eifrig ausgefüllten Fragebögen: Die Daten, die von Lindern und sein Team während der Feldphase vorigen Oktober gesammelt haben, hat der Umweltpsychologe inzwischen genau studiert. Seine Auswertungen zeigen, dass die auf den Wanderwegen erlebte Wildnis den Studienteilnehmern tatsächlich gutgetan hat. Denn je wilder sie die Natur bewerteten, desto weniger physiologischen Stress erlebten sie, und desto mehr Erholung und emotionales Wohlbefinden berichteten sie. Ob diese wahrgenommene Wildnishaftigkeit und das Erholungserleben aber auch kausal zusammenhängen, liesse sich mit den vorliegenden Daten nicht ermitteln, beurteilt von Lindern die Resultate. «Ich nehme aber an, dass mehr Wildnis wirklich mehr Entspannung bereitet – es aber ein schmaler Grat ist, weil eine als zu wild erlebte Natur, auch schnell Stress und Angst hervorrufen kann.»

Die Wildnis planen

Die Ergebnisse liefern dem Nationalpark auch ganz konkrete Hinweise für die Parkgestaltung. So zeigte sich etwa, dass alle drei untersuchten Wanderwege insgesamt betrachtet zwar ein mittleres Mass an Wildnis bieten, die Studienteilnehmer an manchen Stellen aber zu wenig davon erlebten – es also durchaus Luft nach oben gäbe. Mithilfe der Fotos und der Bewertungen hat der Umweltpsychologe zudem jene Elemente identifiziert, die bei den Probanden das Eintauchen in die Wildnis verhinderten. Zu den auf diese Weise ermittelten No-Gos zählen zum Beispiel stark geebnete und gekieste Wege, Anzeichen von Land- und Forstwirtschaft oder zu viel Infrastruktur, wie etwa Steighilfen oder angelegte Stufen. Auf der anderen Seite lassen sich anhand dieser Bewertungen auch die Hotspots für ein perfektes Wildnis-Erleben ermitteln. Zum Beispiel hat sich ein Wegstück durch einen über 100 Jahre alten Bannwald als Spitzenreiter für das Erleben von Wildnis gezeigt, sodass dieser Abschnitt dem Nationalpark nun als Vorbild für die Planung anderer Wanderwege dienen kann.

Vorbild für die Schweiz

Astrid Wallner, Projektleiterin Parkforschung bei der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT), die im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu) die Schweizer Pärke im Bereich Forschung unterstützt, kann sich vorstellen, dass solche Studien auch in Schweizer Pärken durchgeführt werden. «Grundsätzlich finde ich es sinnvoll, sich auf die Menschen zu konzentrieren und zu schauen, wie diese den Park erleben. Wo empfinden sie Wildnis? Und warum genau dort?» Spannend wäre es, insbesondere herauszufinden, ob es zwischen den Tagestouristen und der ansässigen Lokalbevölkerung Unterschiede gibt, welche Natur sie als wild erleben, sagt Wallner. «Das Wissen darüber, ob und wie sich das Wildnisempfinden verschiedener Besuchergruppen unterscheidet, könnte man für die Besucherlenkung nutzen.»