Kundendienst: Tel. 056 203 22 33 kundendienst@dornbusch.ch

Die Gewerkschafterin Dore Heim war 1991 eine der Organisatorinnen des Frauenstreiks. Camilla Carboni setzt sich 2019 mit der Gruppe «Trotzphase» am Frauenstreik für bessere Arbeitsbedingungen in der Kinderbetreuung ein. Zwei Frauen, zwei Generationen, zwei Streiks für die Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit von Frauen.

von Christine Schnapp

Dore Heim (D. H.), können Sie der Tatsache, dass 28 Jahre nach dem letzten Frauenstreik 2019 wieder einer nötig ist, etwas Positives abgewinnen oder frustriert Sie das?
Ich bin Historikerin und habe deshalb ein Interesse daran, zu beobachten, wie Fortschritte in einer Gesellschaft vonstattengehen und wo sie sich manifestierten. Deshalb ist es für mich nicht frustrierend, 28 Jahre später zurückzuschauen und zu schauen, was für eine Wegstrecke wir zurückgelegt haben seit 1991. Wir haben sicher vergleichbare Themen heute wie damals, Stichwort Lohngleichheit und Wert von Erwerbsarbeit und überhaupt Arbeit von Frauen. Die Care-Arbeit, die vor 28 Jahren noch nicht so hiess, nannte man damals die ungleiche Verteilung von Haus- und Betreuungsarbeit.

Was wurde seit dem Streik 1991 erreicht und was nicht?
D. H.: Die gesetzliche Gleichstellung in allen Bereichen von Familienrecht über das Gleichstellungsrecht bis zur Altersvorsorge. Die Lohnungleichheit und die ungleiche Verteilung von Betreuungsarbeit hingegen sind zwei Konstanten, die sich bis heute durchziehen.

Camilla Carboni (C. C.), warum müssen Frauen heute streiken?
Ich habe meine Ausbildung zur Fachfrau Kinderbetreuung in einem feminisierten Beruf gemacht, der wenig Anerkennung erhält. Bei Frauen wird angenommen, dass sie von Natur aus gut Kinder hüten können. Und genau dieses Denken, wirkt sich meiner Meinung nach auf die fehlende Wertschätzung unserer Arbeit aus. Dadurch ist die staatliche Finanzierung von Kinderkrippen zu gering, was zu schlechten Arbeitsbedingungen führt. Für unseren Bereich fordern wir am Frauenstreik einen besseren Lohn für Kinderbetreuerinnen, mehr Personal in den Krippen, Anerkennung für die Arbeit, die wir machen, sowie Qualitätskontrollen in Kitas.

Wiederholt sich die Geschichte der Frauenberufe mit wenig Anerkennung, Dore Heim, wenn Sie Camilla Carboni von den Arbeitsbedingungen in Krippen erzählen hören?
Bei den Frauenberufen ist es insofern interessant, weil es da seit über 100 Jahren eine Konstante gibt. Es wurde stets vom Geschlecht her abgeleitet, dass sich Frauen für bestimmte Tätigkeiten besser eignen als Männer, wozu natürlich die Kinderbetreuung zählt. Vor 100 Jahren hat man begonnen, Kinderbetreuung als Beruf mit einer Ausbildung zu definieren. Das waren Pionierinnen, die daraus einen bezahlten Beruf gemacht haben, was sehr wichtig war. Der Betreuungsarbeit ist trotzdem immer angehaftet geblieben, dass es zwar eine bezahlte Arbeit ist, Frauen das aber eigentlich qua Begabung können und nicht qua Ausbildung. Diese Minderbewertung von Frauenberufen ist geblieben.

Und wie sieht es heute aus?
Vor gut 20 Jahren begann ein Boom beim Ausbau von ausserhäuslicher Betreuung in den Städten. Dieser ging auf Kosten der Arbeitsbedingungen in den Krippen. Man musste sehr viele Plätze bereitstellen, hatte aber nicht genügend Personal dafür. Die unsäglichen Praktika sind eine Folge davon. Damit die Jungen überhaupt ihre Ausbildung beginnen können, müssen sie zuerst ein ganzjähriges Praktikum machen. Das wäre in jedem anderen Berufsfeld unvorstellbar. Das ist schlicht Ausbeutung. Deshalb kämpfen wir 100 Jahre später von neuem darum, dass diese Berufsarbeit als vollwertige Arbeit wahrgenommen und besser entlohnt wird.

Mussten Sie auch ein Praktikum machen, Camilla Carboni, bevor Sie die Ausbildung beginnen konnten?
Ja, das dauerte damals ein Jahr. Dannzumal war es so – und dass ist bis heute nicht viel besser geworden – dass keine Kita ohne Praktikantinnen auskommt. Manche Frauen müssen mehrere Jahre Praktikum machen, bis sie eine Lehrstelle erhalten – in vielen Kitas wird ein Praktikum erwartet. In den Krippen der Stadt Zürich wurde diese Bedingung allerdings schon länger abgeschafft.

D. H.: Was Camilla Carboni schildert, heisst ja, dass man eine hohe Hürde überwinden muss, um in den Beruf einsteigen zu können, trotzdem sind die Lohnperspektiven, auch wenn man fertig ausgebildet ist, sehr schlecht. Eine ähnliche Entwicklung gibt es im Gesundheitsbereich. Dort hat man den Beruf der ehemaligen Krankenschwester akademisiert, d. h., man braucht heute eine Matura, um diese Ausbildung machen zu können. Darunter hat man die sogenannte FaBe eingebaut, die Fachfrau Betreuung, die sehr schlecht bezahlt ist. Wenn die FaBe-Absolventinnen später noch die Ausbildung zur Pflegfachfrau machen wollen, dauert das alles in allem doppelt so lange wie früher und man hat in dieser Zeit keinen existenzsichernden Lohn, bis man schlussendlich als ausgebildete Pflegefachfrau arbeiten kann – zu einem schlechten Lohn. Man dachte, mit der Akademisierung des Berufs werde der Status angehoben. Doch der Lohn und die Arbeitsbedingungen sind prekär geblieben.

Was muss geschehen, damit die Arbeitsbedingungen in der Kinderbetreuung besser werden?
D. H.: Die ganze Betreuung müsste viel stärker subventioniert werden, denn solange sie nicht subventioniert und als Service-Public-Angebot verstanden wird und gleichzeitig der Ruf nach höheren Löhnen besteht, werden die Betreuungskosten für die einzelnen Familien stark steigen. Dieses Problem haben wir heute schon, dass die Kita-Kosten für vollzahlende Eltern sehr hoch sind, das kann nicht die Lösung sein. Subventionen sind für viele ein Schreckgespenst, aber in der Schweiz sind viele Bereiche subventioniert, die wir als Service Public, als Grundversorgung der Bevölkerung, definieren. Die ausserhäusliche Betreuung zu guten Löhnen gehört da auch dazu.

Wieviel Eigenverantwortung sollten Frauen zeigen, um Gleichstellung zu erreichen? Junge Frauen entscheiden sich beispielsweise vielfach für Ausbildungen, mit denen sie später nicht viel verdienen.
C. C.: Es wäre doof, wenn wir unsere Arbeit, die wichtig ist und die wir gerne machen, nicht mehr machen könnten. Jungen Frauen zu empfehlen, diese Ausbildung nicht zu machen, würde diesem schönen und wichtigen Beruf nicht gerecht. Man begleitet Kinder bis zu fünf Jahre und kann sie in dieser Zeit auch prägen. Es ist ein toller, verantwortungsvoller Beruf. Es gibt zudem meiner Meinung nach keine schlüssige Begründung, weshalb man in Berufsfeldern wie unserem, in dem man eine solche Verantwortung trägt und einen riesen Beitrag für die Gesellschaft leistet, so viel weniger verdient als beispielsweise ein Angestellter in einer Bank.

D. H.: Diese Diskussion wird immer wieder geführt. Man sagt den Frauen, sie sollen einen mathematisch-technischen Beruf wählen, wo sie mehr verdienen und bessere Karrierechancen haben. Natürlich ist es gut, wenn junge Frauen bei der Berufswahl auch andere als traditionelle Frauenberufe anschauen. Aber schlussendlich geht es jenseits der jeweiligen Berufswahl um die Wertigkeit von Arbeit allgemein. Warum verdient ein Investment-Banker zehnmal mehr als eine Pflegefachfrau? Nicht, weil seine Arbeit gesellschaftlich so viel wertvoller wäre, sondern weil er im Finanzsektor tätig ist, der sehr hoch bewertet ist. Es ist oft so, dass gesellschaftlich unverzichtbare Arbeit schlechter entlohnt ist als andere.

Das andere Problem ist die hohe Teilzeitquote bei Frauen.
D. H.: Ich denke, dass Frauen nach wie vor darauf konditioniert werden, dass sie ihre Erwerbsarbeit um die Familienarbeit herumbasteln. Männer hingegen sollen zugunsten der Familie einen guten Lohn heimbringen. Man kann diese typischen Verhaltensweisen nur aufweichen, indem man jungen Vätern, die nicht um jeden Preis Karriere machen wollen, eine faire Chance gibt, in die Familienarbeit einzusteigen. Stichwort Vaterschaftsurlaub, mit dem man früh Weichen stellen kann, damit sich Männer in der Familie gebraucht und in der Familienarbeit beheimatet fühlen. Diese Männer können sich dann auch im Beruf stärker abgrenzen, weil die Familie sie braucht.

Männer sollen auch Teilzeit arbeiten?
D. H.: Es müsste für Frauen wie Männer einfacher sein, wenn ein Kind auf die Welt kommt, vorübergehend Teilzeit zu arbeiten, mit der Garantie, später wieder auf Vollzeit aufstocken zu können. Mindestens für Männer würde die Teilzeit-Hürde damit kleiner. Und viele Mütter erleben noch immer, dass sie nach dem Mutterschaftsschutz ohne Begründung gekündigt werden.

Was halten Sie vom Rentenalter 65 für Frauen?
D. H.: Bei diesem Thema dreht sich die Gleichstellung argumentativ um, indem man den Frauen sagt, wenn ihr Gleichstellung wollt, müsst ihr auch länger arbeiten. Wenn man sich jedoch den Arbeitsmarkt anschaut und die Situation in typischen Frauenberufen, dann sieht man, dass Frauen es in diesen kaum schaffen, bis 64 zu arbeiten. Wie viele Pflegfachfrauen sind denn tatsächlich bis 64 am Krankenbett anzutreffen? Die meisten gehen mit etwa 61 in Pension. Und da es schlecht bezahlte Berufe sind, ist die Rente eh schon bescheiden. Wenn man das Rentenalter erhöht, verlieren diese Frauen bei der AHV noch mehr Geld. Deshalb finde ich, dass man nicht über eine Erhöhung auf 65 diskutieren muss, solange Frauenberufe nicht besser entlohnt werden.

Wie könnten sonst Lücken in der AHV gestopft werden?
D. H.: Wir haben jetzt mit meiner Generation ein paar geburtenstarke Jahrgänge, danach kommt bereits der Pillenknick. Die Zeit, in der die AHV stark belastet ist, ist also absehbar.

Ist der Frauenstreik eine Veranstaltung für gut gebildete Mittelschichtsfrauen oder richtet er sich an alle Frauen?
C. C.: Bei unserer Mobilisierung in den Krippen war es zu Beginn sehr schwierig, mittlerweile werden es aber immer mehr, die mitmachen, und das sind mehrheitlich Frauen mit einer einfachen Berufsausbildung.

D. H.: 1991 war es auch so, dass die Sache vier Wochen vor dem Streik richtig Fahrt aufgenommen hat. Schlussendlich beteiligten sich Frauen aus allen Branchen. Auch dieses Jahr wissen wir von Verkäuferinnen und Industriearbeiterinnen, dass sie Protestpausen machen werden. Es gibt ja ganz verschiedene Arten, wie man sich beteiligen kann, von längerer Mittagspause über Veranstaltungen im Betrieb, wie man die Arbeitsbedingungen verbessern kann, bis zur Arbeitsniederlegung um 15.34 Uhr, denn ab dann arbeiten Frauen ja gratis.

Wo stehen wir in 28 Jahren?
C. C.: Ich hoffe, dass wir im Fachbereich Betreuung bis dann – lieber aber schon früher – einen Gesamtarbeitsvertrag haben und dass die Rollenbilder von Frauen und Männern noch mehr aufgeweicht werden und verschiedenste Arten, wie man leben kann, akzeptiert sind.

D. H.: Ich bin überzeugt, dass im Bereich der Care-Arbeit in der Schweiz in den kommenden Jahren sehr viel passieren wird, passieren muss, weil wir sonst in einen gigantischen Betreuungs- und Pflegenotstand hineingeraten. Das wird die Arbeits- und Lohnbedingungen in diesem Bereich, und damit für viele Frauen, verbessern.