Kundendienst: Tel. 056 203 22 33 kundendienst@dornbusch.ch

Die Bereitschaft zuzuhören ist heute ein seltenes Gut. Denn das Gefühl dominiert, zu kurz zu kommen, wenn man nicht ausbreiten kann, wie die Ferien waren, was zugestossen ist und was bevorsteht. Doch die Selbstverwirklichung in den Ohren der anderen ist oft ein Trugschluss.

von Anton Ladner

Neutral formuliert war die Ehe von Gina nicht von Harmonie geprägt. Als ihr stark übergewichtiger Mann nach einer gerissenen Aorta völlig überraschend verstarb, begann ihre Legendenbildung. Unaufgefordert erzählte Gina von ihrer Ehe, wie nie ein böses Wort gefallen sei, wie sie sich immer einig gewesen seien usw. Gina erschuf sich so eine neue Realität, was natürlich ihre Zuhörerschaft arg strapazierte. Weil sie irgendwie spürte, dass man ihr nicht recht zuhören wollte, wurden ihre Rückblicke auf die Ehe immer penetranter, was nicht selten Widerspruch provozierte. In ihren sozialen Kontakten führte dies zum Gegenteil dessen, was Gina anstrebte. Spannungen links und rechts, weil sie als Geschichtsklitterin überführt war.

Eine abgeschwächte Form solcher Beschönigungen pflegen die «Veredler». Sie versuchen, mit ausgeschmückten Schilderungen das Erlebte aufzuwerten. Im Rückblick wird alles besser und schöner, als es tatsächlich war. Sie geben sich als die ewigen Gewinner, denen alles gelingt, die Glückspilze im Leben. Was auch immer geschehen mag, sie schaffen immer den Sprung auf die Sonnenseite – aber nur in ihren Erzählungen. Um sich zu realisieren, brauchen sie Zuhörer, viele Ohren, um das Halbwahre wahr zu machen. Das ist eine Art von Missbrauch der Ohren und eine Verschmutzung des Geistes. Ist man rüde, wenn man in einem solchen Fall klar signalisiert, dass man nicht mehr zuhören mag? Nein, dann ist man nur selbstfürsorglich im sozialen Umfeld.

Natürlich neigt jeder Mensch etwas dazu, gerne zu erzählen, was in seinem Leben als schönes Erlebnis besondere Bedeutung hat. Die Gefahr, da aber zu tief einzutauchen und dadurch andere zu strapazieren, ist gross. Man kann sich auch gut Erlebnisse «selber erzählen», indem man vor seinem geistigen Auge die Bilder passieren lässt und den damaligen Gefühlen nachspürt. Das ist viel intensiver, klappt allerdings nur mit wahren Begebenheiten. Und: An die Wahrheit erinnert man sich gut und erst noch lange.

Share This