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Achtsamkeitsimpuls

Zeit zu gewinnen, das ist positiv besetzt und scheint deshalb vielen erstrebenswert. Was mit der gewonnenen Zeit geschieht, bleibt in der Regel jedoch ungewiss. Gewiss ist jedoch, dass Zeitgewinne oft auf Kosten der körperlichen Selbstfürsorge gehen. 

von Anton Ladner

 

 

Wahrscheinlich kommt die Fixierung auf Zeitgewinn aus dem Sport. Für den Ironman wird ein Neoprenanzug für die 1,9 Kilometer lange Schwimmstrecke gepriesen, weil er einen Zeitgewinn von mindestens einer Minute bringe. Weniger Körpergewicht beim Marathon habe einen Zeitgewinnvorteil. Jedes Kilo zu viel auf den Rippen koste zwei Minuten auf die Endzeit.

Zeitgewinn steht deshalb in unseren Köpfen für Leistungsstärke. Es spielt dabei keine Rolle, ob es ums Kochen, Bügeln, um die Hausaufgabenhilfe oder eine Problemlösung geht. Ein Zeitgewinn ist immer positiv. Aber sorgt dieser Gewinn tatsächlich für eine Befriedigung, für ein Mehr anderswo?

Das Gegenteil ist leicht der Fall. Denn so seltsam es erscheint: Ein Gewinn liegt oft im Zeitverlieren. Doch das mag niemand offen eingestehen. Trödeln, Zeit verstreichen lassen, sie in etwas einfach verlieren werden negativ beurteilt und mit fehlendem Willen sowie Antriebsschwäche gleichgesetzt. Kinder können auf herrliche Weise Zeit verlieren und es richtig geniessen. Für sie sind das Erholungsinseln fernab vom Alltagsstress. Erwachsene bekommen hingegen beim Zeitverlieren rasch ein schlechtes Gewissen, weil sie auf Zeitgewinn programmiert sind. Aber sich Zeit nehmen und auch etwas Zeit verlieren haben eine viel grössere Qualität für das Körperbefinden als der Zeitgewinn, mit dem man nichts anzufangen weiss. Gedanken nachhängen, genussvoll langsam sein, sich eine Zwischenzeit gönnen sind unter dem Strich der grössere Gewinn als der (nun verpasste) Zeitgewinn. Um Mensch zu werden, hatte jeder neun Monate Zeit, in wohliger Wärme rundum versorgt, ohne sich um die Zeit zu kümmern. Vielleicht ist es diese Erfahrung, warum der Körper «Zeitverlieren», eine «Zeit ohne Zeit» als Wohltat erfährt, obschon der Kopf das nicht eingestehen will.

Schon die Vorstellung allein, dass es so sein könnte, tut gut. Denn die Erfahrung im Mutterbauch ohne Zeit klingt nach – jenseits des Bewusstseins und jenseits der Zeit.

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