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Klima-, Finanz- und Geldpolitik hatten bis vor Kurzem wenig miteinander zu tun. Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze fordert, dass auch die Zentralbanken ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Sie sollen fehlgeleitete Investitionen in fossile Energien bremsen und grüne Investitionen unterstützen.

 von Adam Tooze

Das Trauma der Finanzkrise von 2008 hat die Zentralbanker nachhaltig geprägt. Über das Problem der Finanzstabilität haben sie auch die Klimapolitik für sich entdeckt. Die Frage, die die Zentralbanker mittlerweile beschäftigt: Ist die kohlenstoffbasierte Wirtschaft nicht eine Blasenwirtschaft, die grösste Blase aller Zeiten sozusagen? Eine Blase, die den gefährlichen Immobilien- und Hypothekenboom weit überschattet? Baut also das gesamte System der Industriewerte und der auf sie beruhenden Kredite nicht auf unhaltbaren Prämissen? Und droht dann mit der Dekarbonisierung ein ökonomischer Kollaps, in dem auf einen Schlag eine riesige Entwertungs- und Liquidationsspirale in Gang gesetzt werden könnte?

Dies sind zweifelsohne wichtige Fragen. Aber seien wir uns im Klaren darüber, wo hier das eigentliche Erkenntnisinteresse liegt: Die Frage ist, wie die Klimakrise das Finanzsystem bedroht. Genau genommen geht es weniger um die Klimakrise als solche, als vielmehr um die möglichen Auswirkungen der Klimaschutzpolitik auf die Stabilität des Finanzsystems. Das Problem aus der Sicht der Finanzmarktmanager und Bankenregulierer ist die mangelhafte Koordinierung zwischen den Märkten – den Banken und Investoren – und der Politik. Befänden wir uns auf einem gut kalkulierbaren Gleitpfad in Richtung Dekarbonisierung, könnte man vielleicht davon ausgehen, dass vernünftige Investoren sich darauf einstellen würden.

Das Risiko entsteht, weil die Politik zögert und der Gleitpfad alles andere als sicher ist. In der Zwischenzeit pumpen Investoren insgesamt Billionen in die fossilen Energien. Dadurch entsteht eine hoch labile Situation in wirtschaftlicher, politischer und in klimatischer Hinsicht. Zu erwarten sind schlagartige politische und rechtliche Eingriffe, die eine unvorhergesehene Entwertung der fossilen Geldanlagen bewirken. Dadurch entstehen in den Bilanzen der Investoren erhebliche unerwartete Verluste und ein Krisenpotenzial in Billionenhöhe.

Konkret: Wir wissen, dass 80 Prozent der bereits bekannten Kohlevorkommen und 50 Prozent der Gas- und Erdölvorkommen aus Klimaschutzgründen im Boden bleiben müssen. Im Moment sind sie noch in den Bilanzen. Die Frage ist, was geschieht, wenn sie gestrichen werden. Die Antwort, die die Diskussion der Zentralbanker bisher prägt, lautet: Transparenz. Die Marktakteure müssen verpflichtet werden, sich gegenseitig über ihre «carbon exposure», die fossilen Werte in ihren Bilanzen, zu informieren. Dann können die Risiken berechnet und entsprechend bewertet werden.

Durch Transparenz entsteht Stabilität, so das Kalkül. Um den vermeintlich grünen Überzeugungen der Zentralbankiers gerecht zu werden, muss man betonen, dass sie wohl erwarten, dass bei einer solchen Offenlegung weitere Investitionen in fossile Geldanlagen zurückgefahren werden. Transparenz dient also nicht nur der Stabilität, sondern auch der Dekarbonisierung – zumindest auf Umwegen. Aber ob Transparenz wirklich diese Wirkung erzeugt, hängt davon ab, welche Annahmen Investoren über die Zukunft der Klimapolitik und des technologischen Wandels haben. Das optimistische Szenario ist, dass Märkte eine mit Nachdruck und Ausdauer verfolgte Energiewende in ihre Planung einbauen. Dadurch entsteht ein unaufhaltbares technologisches Momentum in Richtung erneuerbare Energien, deren Kosten auf ein so niedriges Niveau fallen, dass sie alle anderen Energieformen verdrängen. Dekarbonisierung rentiert sich einfach. Die Nachrichten hinsichtlich der Lernkurven bei Solar- und Windenergie sind jedenfalls wirklich beachtlich. Sie sind die Trumpfkarte des grünen Kapitalismus.

Aber ist dieses Szenario weiter fallender Kosten realistisch? Oder reden wir uns nur Mut zu? Viele Investoren beschränken sich bekanntermassen auf kurze Zeithorizonte und sehen in Exxon und Glencore noch attraktive Werte. Die Klima- und Energiepolitik hat dagegen bisher wenig Klarheit geboten. In Momenten, in denen die erneuerbaren Energien an Wucht gewonnen haben, hat man den Fuss vom Gas genommen. Ob das aus technischen, politischen oder interessengeleiteten Gründen geschah, ist weniger wichtig. Wichtig ist, dass dadurch Unsicherheit erzeugt wird.

In grossen Teilen der Weltwirtschaft – in den USA, Brasilien, Russland, Saudi-Arabien, vielen Schwellenländern Asiens – kann von einem klimapolitischen Konsens nicht mal ansatzweise die Rede sein. Und die fossile Industrie ist kein zahmes Rind, das sich zur Schlachtbank führen lässt. Sie wehrt sich mit allen Mitteln.

Die Ergebnisse lassen sich in der Investitions- und Emissionsstatistik ablesen. Die Weltwirtschaft schwimmt momentan im Geld. Kein Wunder also, dass auch die Green Bonds mittlerweile erhebliche Dimensionen annehmen. Aber bei den tatsächlichen Investitionen in erneuerbare Energien sieht es anders aus. Sie stagnieren auf dem Niveau von circa 300 Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist viel weniger, als wir brauchen.

Währenddessen fliessen weiterhin erhebliche Summen in die fossilen Energien. Die Banken, ,es  sind vor allem US-amerikanische, japanische und chinesische Banken, die das vermitteln, aber auch europäische Akteure sind dabei. Diese Schieflage zeigt die Grenzen des auf Transparenz und Offenlegung basierten Ansatzes. Wir brauchen mehr. Wir brauchen eine Kreditpolitik, die nicht nur die grünen Investitionen befördert. Wir müssen die fossilen Investitionen abbremsen. Die Zentralbanken haben dazu in dem klassischen Instrumentarium der Bankenregulierung mehr als genug Mittel, um den Kreditspielraum entsprechend zu verengen. Man kann höhere Reserven und Kapitalforderungen stellen und ein Rating-System fördern, das nicht nur grüne Bonds belohnt, sondern braune stigmatisiert.

Die Zentralbanker mögen versucht sein, dies sogar als Zumutung zu betrachten und sich gegen diese Forderung zu wehren. Sie mögen versucht sein zu sagen, dass eine Industriepolitik mit klimapolitischer Ambition nicht ihre Aufgabe ist. Als die Europäische Zentralbank (EZB) 2015 mit dem Ankauf von Wertpapieren begann, um die Volkswirtschaften der EU zu stützen, tat sie es unter dem Vorbehalt der Neutralität. Dies bedeutet: Die Markteingriffe der Zentralbanken sollen die freie Preisbildung möglichst wenig verzerren. Aber was heisst hier Neutralität wirklich?

Zu diskriminieren ist im Geschäft mit Anleihen eigentlich normal. In vielen Ländern werden Immobilienkredite in den Bilanzen der Banken besonders behandelt, staatliche Kredite sowieso. Für die EZB hiess Neutralität konkret: sich an den Rankings der Rating-Agenturen zu orientieren. Die Rating-Agenturen beziehen einen Grossteil ihrer Autorität wiederum aus der privilegierten Stellung, die ihnen von Zentralbanken zuerkannt wird. Denn das Finanzsystem basiert nicht auf Naturgesetzen, sondern auf einem Gesellschaftsvertrag zwischen Insidern. Das heisst nicht, dass die Ratings, also die Bewertungen bzw. Prädikate willkürlich verteilt werden. Nach anderen Kriterien zu verfahren würde unbestreitbar neue Anreize, aber auch Risiken schaffen. Deshalb sollte man nicht meinen, dass man sich durch solch eine Neutralität Risiken erspart.
Was die Neutralität momentan allerdings bewirkt, ist, dass das Portfolio der von den Zentralbanken angekauften Wertpapiere nur den Status quo der fossilen Wirtschaft widerspiegelt. Man enthält sich sozusagen der Stimme. Und setzt ganz normal auf Klimakatastrophe.

Die Zentralbanker warten auf den Markt. Und sie warten auf die Politik. Sie sei sehr für grüne Bonds, sagte die neue EZB-Chefin Christine Lagarde vor dem Europäischen Parlament, aber die Führung bei der Energiewende müsse bei der Politik liegen. Und damit hat sie sicherlich recht. Die klassischen Instrumente der Fiskalpolitik sind tatsächlich gefordert: Wir brauchen staatliche Ausgaben in Infrastruktur, Forschung und Ausbildung, um auch über den Arbeitsmarkt die Entkarbonisierung voranzutreiben. Wir brauchen Subventionen für Gebäudesanierung und eine neue Verkehrsinfrastruktur. Wir brauchen Steuern auf CO2. Das sind zweifellos die besten Mittel, die Klimapolitik voranzutreiben.

Es ist eine grosse Aufgabe. Aber angesichts der bizarren Zustände auf den globalen Anleihemärkten kann es kein Ding der Unmöglichkeit sein, jährlich 30 bis 50 Milliarden Euro zu mobilisieren, und zwar zu sehr günstigen Konditionen. Denn es gibt eine fast unersättliche Nachfrage nach sicheren Anlagen. Aber die Klimakrise ist keine nationale Herausforderung. Sie ist eine europäische und globale. Die Mehrinvestitionen allein auf europäischer Ebene belaufen sich (ohne Deutschland) auf mindestens 150 Milliarden Euro jährlich. Nicht alle Länder geniessen wie Deutschland das Vertrauen der Kapitalmärkte. Nicht alle werden in der Lage sein, die Investitionen in die notwendige Klimapolitik auf nationaler Basis zu mobilisieren, jahrein, jahraus. Und damit sind wir leider wieder bei den altbekannten Fragen der Eurozone.

Es wird eine gemeinsame Verantwortung und Solidarität nötig sein, um zum Beispiel die Energiewende auf EU-Ebene zu meistern. Die neue EU-Kommission und Christine Lagarde haben bereits angedeutet, in welche Richtung sie gehen wollen. Ein Green Deal ist versprochen worden. Was das nun im Detail bedeutet, wird zu diskutieren sein. Man kann über Sonderhaushalte, Fonds und Bürgschaften reden. Im Allgemeinen geht es bei solchen Konstrukten darum, die Kraft der EZB, als das Machtzentrum der Eurozone, für die Unterstützung von grünen Investitionen zu mobilisieren.

Aber wiederum sind Fantasie und technisches Know-how gefragt. Ausserdem geht es um politische Grundsatzentscheidungen. Es geht darum, das aktivistische Verständnis der Geldpolitik als Machtmittel der EU zu bejahen und fortzuentwickeln.

Der Text, erschienen auf der Website der Heinrich Böll Stiftung basiert auf einer Rede von Adam Tooze auf der Veranstaltung «Zentralbanken und Finanzwirtschaft als Klimaretter?» der Stiftung am 12. September 2019.